Was ist heute konservativ? – Zum Artikel der ZEIT

Die ZEIT, der Konservatismus und die linken „Rechtsextremismusexperten“

„Was ist heute konservativ? Und was ist rechts oder gar rechtsradikal?“, fragt die Wochenzeitung DIE ZEIT auf der Titelseite ihrer aktuellen Ausgabe. Im Untertitel ein erstaunliches Eingeständnis: „Das Unbehagen am ‚linken Mainstream‘ wird immer lauter.“ [1] Auch wenn sie hier die linke Deutungshoheit noch relativierend in Anführungszeichen gesetzt haben, dämmert den Meinungsmachern der Republik inzwischen, dass etwas in Bewegung geraten ist.

Aufhänger für das Titelthema ist unter anderem die am 15.03.2018 veröffentlichte „Erklärung 2018“, in der sich namhafte Publizisten, Künstler und Wissenschaftler mit regierungskritischen Demonstranten solidarisieren. [2] Viele der Unterzeichner, wie Frank Böckelmann, Vera Lengsfeld, Thilo Sarrazin und Karlheinz Weißmann, treffen sich zweimal jährlich in vertrauter Gesprächsrunde zu einem politischen Salon. Martin Machowecz von der ZEIT schreibt dazu etwas verwundert: „Ein intellektueller Zirkel, ein Debattiersalon, ist in linken und bürgerlichen Milieus anerkannte Praxis des politischen Lebens. Dass Konservativ-Bürgerliche und Vertreter der Neuen Rechten aber auf diese Weise in Kontakt kommen – das gab es bislang nicht.“ [3]

Die Konservativen debattieren also, vernetzen sich und treten inzwischen sogar an die Öffentlichkeit. Was die ZEIT-Autoren allerdings noch mehr verunsichert, sind Konservative, denen das nicht ausreicht und die für ihre Überzeugungen auf die Straße gehen: „[W]ie soll man zu einem Mann wie Matthias Matussek stehen, der die gediegene Debattenkultur insofern hinter sich gelassen hat, als er inzwischen auf der Hamburger Anti-Angela-Merkel-Demo auftrat; dort ‚Widerstand‘ und ‚Merkel muss weg‘ im Chor rief?“ [4] Matussek, ehemals Leiter des Kulturressorts beim SPIEGEL und Kolumnist bei der WELT, gehört auch zu den Erstunterzeichnern der „Erklärung 2018“.

 

Die aufgeworfene Frage bereitet vor allem dem unvermeidlichen Jens Jessen Kopfzerbrechen, der eine „Begriffsklärung für die verwirrte Öffentlichkeit“ versucht. „Wenn eine Revolution gegen das Vorherrschende für nötig gehalten wird, ist es mit dem klassischen Konservatismus vorbei“, weiß er mit Bestimmtheit. [5] Der Begriff der konservativen Revolution, der in den 1920er-Jahren geprägt wurde, muss ihm deshalb als „ein offener Widerspruch in sich“ erscheinen. Jessen definiert Konservatismus vollständig relativistisch, ausschließlich bezogen auf die konkrete historische Situation, als wolle der Konservative wahllos einfach das bewahren, was er jeweils gerade vorfindet.

Hier hätte sich ein Blick in die Schriften einiger Autoren der Konservativen Revolution oder auch eines zeitgenössischen Konservativen wie Karlheinz Weißmann durchaus gelohnt. Letzterer schreibt in seinem Grundlagenwerk „Das konservative Minimum“: „Obwohl das von seinen Gegnern immer wieder behauptet wird, geht es dem Konservativen keineswegs darum, irgendetwas zu bewahren. Er weiß, dass das Bewahren keine Berechtigung an sich hat.“ [6] Arthur Moeller van den Bruck, ein Vertreter der Konservativen Revolution, prägte sogar die eigentümlich vorwärts gerichtete Formel „Konservativ ist, Dinge zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt“. [6] Zusätzlich zum Bewahren kommen hier zwei neue Aspekte ins Spiel: das Schöpferische (und nie Destruktive) des Konservatismus sowie ein Kriterium für die Bewertung des Bestehenden. Denn längst ist nicht alles des Bewahrens würdig.

Anders als Jessen suggeriert, ist der echte Konservative also nicht der fortschrittsskeptische Pessimist, der melancholisch einen verwesenden Kadaver hinter sich herschleift. Vor allem aber scheint Jessen nicht zu verstehen, dass sich der Konservative – als Hüter der guten, organischen Ordnung – sehr wohl gegen „das Vorherrschende“ erheben muss, wenn die Verhältnisse geeignet sind, alles zu zerstören, was aus Sicht des Konservativen tragfähig und bewahrenswert ist. Wenn das Vorherrschende in liberalistischer Entgrenzung und im Zersetzen von Familie, Vaterland, Volk, Rechtsstaat und Tradition besteht, dann greift Armin Mohlers Verdikt: „‚Sechs konservative Jahrhunderte erlauben es zwei Generationen, liberal zu sein, ohne Unfug anzurichten.‘ Wenn allerdings die Restbestände der Tradition aufgebraucht sind, ‚werden die bestgemeinten liberalen Positionen zu Feuerlunten‘.“ [8] Der Autor Manfred Kleine-Hartlage vergleicht deshalb die liberale Gesellschaft mit einem Wolkenkratzer, der mit Material aus seinem eigenen Fundament immer weiter in die Höhe gebaut wird. [9] Dagegen müsste eigentlich jeder vernünftige Bürger mit Überlebenswillen aufbegehren, der Konservative allemal.

 

Existentielle Einsichten dieser Art scheinen in Jessens linksliberaler Wohlstandswelt immer noch weit weg zu sein. Stattdessen erklärt er uns lieber, dass man „Identitäre und Ähnliche“ zu den „neuen Faschisten“ rechnen müsse. [10] Diese üble Verunglimpfung stammt von einem Mann, der 2008 (damals als Feuilleton-Chef der ZEIT) in einem Videokommentar erklärte, dass deutsche Rentner im Grunde selbst schuld seien, wenn sie von ausländischen Jugendlichen zusammengetreten würden. Das Video wurde in seinem damaligen Büro aufgenommen, in dem ein Gemälde von Lenin an der Wand hing. [11]

Es ist das Phänomen der linken „Rechtsextremismusexperten“, die in allen Institutionen sitzen und sich stets gegenseitig zu interviewen scheinen, wenn es um den patriotischen Widerstand geht. Jüngst wurde zum Beispiel bekannt, dass der ARD-Journalist Patrick Gensing („Faktenfinder“), der im Auftrag der „Tagesschau“ Gewaltdelikte ausländischer Straftäter relativiert, Antifa-Sympathisant und Unterstützer der linksextremen „Roten Flora“ ist. [12]

 

Einen anderen Erkenntnisstand scheint sich Ulrich Greiner erarbeitet zu haben, dessen lesenswerten Kommentar „Zweierlei Maß“ wir hier der Fairness halber auch erwähnen wollen. Am Beispiel der Äußerungen Uwe Tellkamps in dem Dresdner Streitgespräch Anfang März zeigt Greiner „die öffentliche Ungleichbehandlung linker und rechter Ansichten“ auf. [13] Zur Wiederherstellung einer guten Diskussionskultur mahnt er ein Ende der infantilen „Sandkastenspiele“ an: „Es wäre nicht schlecht, endlich erwachsen zu werden und einander aufmerksam zuzuhören. Um diese Tugend steht es derzeit nicht sonderlich gut.“ [14]

Dem können wir nur beipflichten. Würden die Damen und Herren von der ZEIT mit uns und nicht nur über uns sprechen, erführen sie zum Beispiel auch, dass „der Konservative nicht aus der Verzögerung des Unvermeidlichen oder der Negation heraus lebt, sondern umgekehrt die Fülle einer jahrtausendealten Erfahrung gelingenden Zusammenlebens auf seiner Seite hat“. [15]

 

[1] DIE ZEIT, Druckausgabe vom 22.03.2018

[2] https://www.erklaerung2018.de

[3] DIE ZEIT, Druckausgabe vom 22.03.2018, S. 45

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Karlheinz Weißmann: Das konservative Minimum. Verlag Antaios. Schnellroda 2009 (= Kaplaken 1), S. 23.

[7] Arthur Moeller van den Bruck: Das dritte Reich. 3. Aufl. Hrsg. von Hans Schwarz. Hamburg 1931, S. 202

[8] Zitiert nach: Mario Müller: Kontrakultur. Verlag Antaios. Schnellroda 2017, S. 194.

[9] Vgl. Manfred Kleine-Hartlage: Die liberale Gesellschaft und ihr Ende. Über den Selbstmord eines Systems. Verlag Antaios. Schnellroda 2015, S. 15

[10] DIE ZEIT, Druckausgabe vom 22.03.2018, S. 45

[11] https://www.youtube.com/watch?v=lXhLAdPFROs

[12] https://phinau.de/jf-archiv/online-archiv/file.asp?Folder=13&File=201319050311.htm

[13] DIE ZEIT, Druckausgabe vom 22.03.2018, S. 46

[14] Ebd.

[15] Wolfgang Fenske im Informationsbrief der Bibliothek des Konservatismus, April 2017 (= Agenda 6), S. 1