Persönliche Reflexionen über die alte Rechte

von Daniel Fiß

Dieser Artikel entstand im Jahre 2014 und beschreibt meinen Reflexionsprozess und die Abkehr vom altrechten Lager:

Ich habe längere Zeit intensiv darüber nachgedacht einen Artikel in dieser Form zu verfassen. Texte die sich bereits mit dem Werdegang vom Nationalen Widerstand zur identitären Idee auseinandergesetzt haben, gab es bereits von anderen Gefährten hier und hier. Ebenfalls dürfte auf diesem Blog deutlich geworden sein, dass wir unser patriotisches Anliegen außerhalb festgefahrener Dogmen, die sich mit altrechten Bezügen wie dem Nationalsozialismus schmücken, begründen. In einem kürzlich geführten Videointerview mit dem identitären Gefährten Tony, habe ich ebenfalls meine persönlichen Beweggründe für eine Abwendung vom NW Lager, im Umfang was ein Videointerview eben zulässt dargelegt.

Warum also die nachfolgende Schilderung meines Weges, aus den altrechten Strukturen zur identitären Idee? Ich möchte dem Leser vor allem mit meinen persönlichen Reflexionen an einem Weg teilhaben lassen, der die identitäre Idee in ihrer Besonderheit von allen herkömmlichen Entwürfen die das „rechte“ Spektrum aufzuweisen hat darstellt. Die schrittweise Auseinandersetzung mit dem identitären Gedanken soll einzelne Wegmarken unterstreichen, die dem Leser vor allem verdeutlichen, dass Heimatliebe, Tradition und das ethnokulturelle Erbe unserer Völker eine weitaus größere historische Dimension hat, als das dies nur über einzelne ideologische Substrate zu deuten wäre.

Mein Weg in die Kreise des nationalen Widerstandes gleicht eigentlich einer standardisierten Beschreibung von zweitklassigen Anti-Rechts Kampagnen. Naive 16 Jahre, neue Schule, neues Umfeld und erste Kontakte zu bereits erfahrenen Aktivisten. Dann die ersten Aufkleberaktionen, Konzerte, Kameradschaftsabende, Demonstrationen etc. Ich verzichte hier bewusst auf eine allzu detaillierte Beschreibung meiner konkreten Aktivitäten. Primär soll es vor allem um einen gedanklichen und reflexiven Prozess gehen.

Zunächst saugt man natürlich diese kleine Subkultur des NW in sich selbst auf. Eine wahrhaft neue Erfahrung, die so gar nicht mit dem herkömmlichen bürgerlichen Leben zusammentrifft. Man bezeichnete sich selbstverständlich als „Nationaler Sozialist“ ohne sich anfangs jedoch auch nur ansatzweise mit dem ideologischen Gebäude auseinandergesetzt zu haben. Was man aber in jedem Falle spürt; ist das man Angehöriger eines elitären und ausgewählten Kreises gegenüber der konventionellen Gesellschaft ist. Dies soll nicht sagen, dass man irgendwelche okkulten und sektenartigen Feiern veranstaltet hätte. Allein das Gruppengefühl war ausschlaggebend. Man fühlte sich mental gesund, gegenüber der degenerierten Masse aus „Systemlingen“.

Nach einigen Monaten setzte bei mir jedoch die Erkenntnis ein, dass ich mich nicht dauerhaft als NSler verstehen kann ohne auch die einschlägige und prägende Literatur gelesen zu haben. Und so gelangte ich recht schnell zu den bekannten ideologischen Vordenkern wie Rosenberg, Hitler, Chamberlain, Hans FK Günther, Hermann Schwarz, Kurt Eggers, Herbert Schweiger etc. Über einschlägige Netzseiten erschloss ich mir die üblichen Begriffe von „Nationalismus“, „Sozialismus“, „Volksgemeinschaft“ etc. wodurch das ideologische Konglomerat vervollständigt wurde. Die Praxis des historischen NS wurde einfach mittels zweifelhafter geschichtlicher Methodik und im revisionistischen Sinne positiv umgedeutet. Die Geschichte wurde also für die eigenen politischen Ziele nutzbar gemacht.

Wenn ich heute jedoch in NS Literatur blättere ergibt sich ein teils völlig konträres Bild zu meinen damaligen Ansichten. Fast schon beschämt muss ich immer wieder feststellen, warum man vollumfänglich ein derart oberflächliches Gedankengerüst in sich aufgesaugt hatte. Die Erklärung ist jedoch recht simpel. Mit dem Einstieg in das NW Lager konnte man zunächst nur Versatzstücke der eigenen ideologischen und politischen Positionen wiedergeben. Die literarische Auseinandersetzung folgt dem ganzen eher als eine Ergänzung, die man für sich selbst als notwendig ansieht, um das Ideengebäude zu komplettieren. Demnach lesen sich die ganzen einschlägigen Autoren nicht als ein „weltanschauliches Erweckungserlebnis“, sondern vielmehr als eine Selbstbestätigung, des ohnehin fragmentarischen Gedankengebäudes, mit dem man sich jedoch alle Zeitdimensionen, gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge deutete. Man ist durch die Standardparolen ideologisch bereits vorgeprägt und kann sich in den verhältnismäßig tiefergehenden Ideen, seine notwendige Bestätigung holen.

Sicherlich hat man sich nie eingestanden Vertreter einer Ideologie zu sein. Die Unterscheidung zwischen Weltanschauung und Ideologie war immer das notwendige Kriterium um sich vor allem als politischer Akteur einer „zeitlosen Weltanschauung“ zu verstehen, die auf den „Naturgesetzen“ aufbaut. Die „Naturgesetzthese“ erfüllt hierbei eine ganz entscheidende Alibifunktion, auf der man vor allem die Unantastbarkeit seiner eigenen ideologischen Dogmen begründen kann. Wer will sich auch schon gegen vermeintliche „Gesetzmäßigkeiten“ positionieren? Es ist eben zentrales Wesensmerkmal einer Ideologie, dass sie sich selbst nie eingestehen würde eine Ideologie zu sein, sondern immer einen höheren Auftrag erfüllt und sich der „absoluten Wahrheit“ über die Deutung von Geschichte, sozialen Dynamiken und politischen Prozessen bemächtigt. Gerade den Definitionen von „Nationalismus“ und „Sozialismus“ als notwendige Symbiose, wurde immer wieder eine wissenschaftliche Gültigkeit zugemessen, trotz des verhältnismäßig jungen Aufkommens in der Geschichte. Im NS sah man die große Vervollständigung aller bisherigen gesellschaftlichen Ordnungssysteme, die eigentlich nur Vorformen dessen gewesen sind. Der NS war für mich quasi die Vollendung eines historischen Ideals in Form des organischen Volksstaates, mit dem sich alle Lebensäußerungen erklären ließen.

Ich merkte jedoch schnell im gesamten NW Lager und eigenem Umfeld, dass mich das reine konsumieren einer NS-Subkultur nicht vollständig ausfüllte. Die politische Impotenz des gesamten Nationalen Widerstands erweckte bei mir viele Gedanken, die vor allem die politische Praxis kritischer Betrachtungen unterzog. In mir brannte ein idealistisches Feuer, wo eine reine Lagerzuschreibung und Gruppenzugehörigkeit als monotones Identifikationsangebot nicht ausreichte. Ich war schließlich als politischer Soldat angetreten um ein kleiner Teil der Veränderung zu sein. Die großen Träume vom Tag X wo die große Revolution ausbricht, erweckten auch in mir Hoffnung und Zuversicht woraus sich das eigene Handeln immer wieder aufs Neue motivieren ließ. Doch diesen inneren Willen und Antrieb sah ich bereits früh, in vielen Teilen der Bewegung nicht erfüllt.

Im Jahre 2011 gab es dann ein bis heute bestehendes rechtes Theorieprojekt derfunke.info wodurch ich auch erstmals Zugang zu den Ideen der „Neuen Rechten“ erlangte. Hier wurde ich auch erstmals mit dem Begriff „identitär“ konfrontiert, der mir auf einer subtilen und intuitiven Ebene schon damals als viel umfassender erschein als meine bisherige Selbstbezeichnung „national und sozialistisch“. Außerdem unterstreicht dieser Begriff vor allem das zentrale politische Schlachtfeld um das es heute primär geht; der Erhalt unserer ethnokulturellen Identität. Ich sah in den Beiträgen des „Funken“ ein tiefes geistiges Durchdringen bisheriger Selbstverständlichkeiten des gesamten altrechten Lagers.

Es folgten viele weitere Texte und Diskussionsstränge, die ich wie ein Schwamm in mir aufsaugte. Ich legte mir erstmals Literatur aus der konservativen Revolution, der Neuen Rechten und dem Thule Seminar zu. Beschäftigte mich mit Ideengeschichte und neurechten Denkern rund um Nietzsche, Spengler, Schmitt, Faye, Jünger, Mohler und Benoist. Schnell wurde mir hierbei auch das intellektuelle Vakuum des NW bewusst. Ehrlicherweise muss ich zu diesem Zeitpunkt aber auch eingestehen, dass ich unterbewusst aus den neuen gedanklichen Kathedralen der „Neuen Rechten“ eher versuchte die Fragmente herauszuschälen die mein eigenes NS-gestütztes Weltbild bestätigten. Die Begriffsformel des „Nationalen Sozialismus“ war für mich immer noch ein maßgeblicher Faktor, den es lediglich im zeitgemäßen Sinne zu modifizieren galt. Denn schließlich war der NS für mich ja keine Ideologie sondern eine Weltanschauung, die im ewigen Wandel der Zeit nichts an ihrer Gültigkeit einbüßt. Dennoch stellte sich für mich bereits eine etwas progressivere Sicht, im politischen Handeln ein. Ich fing an zu hinterfragen ob die Fixierung auf den historischen NS wirklich noch politische Sprengkraft entfalten kann. Ich sah schrittweise ein, dass nicht jeder Denker der sich mit dem NS kritisch auseinandersetzt, sofort in meinem weltanschaulichen Verständnis zu verwerfen ist. Die Diskrepanz zwischen dem was sich dieses Lager selbst an Anspruch auferlegt hat und dem was dann wirklich an politischen Idealismus und tiefgründiger geistiger Auseinandersetzung vorhanden ist, wurde mir ebenfalls immer offensichtlicher.

Ende 2012 folgte dann die große Bombe und es etablierte sich erstmals in Deutschland eine „Identitäre Bewegung“. Markenkern, Symbolik und inhaltlicher Anspruch begeisterten mich zunehmend und verdeutlichten auch hier die Unfähigkeit der Altrechten Zusammenhänge, politisch innovativ zu wirken und sich aus der Nische von mittel- und teils unmittelbaren Vergangenheitsadaptionen aus dem dritten Reich zu befreien. Das Aufkommen der Identitären Bewegung und ihre Auseinandersetzung mit den drei universalistischen Theorien der Moderne wo der NS/Faschismus mit einbezogen wurde, verstärkten meine gedanklichen Reflexionsprozesse. Das Regressive und Statische, die eigene Subkultur und die eigenen hermetischen ideologischen Räume, die paranoiden Feindbestimmungen in Form einer „jüdischen Weltverschwörung“, die Ariosophie in Form eines Auserwähltheitsstatus der „arischen Rasse“ und der historische Revisionismus den man für eigene politische Zwecke instrumentalisierte, ließen in mir nicht nur die Erkenntnis reifen, dass der NS allein schon aus propagandastrategischen Erwägungen unbrauchbar ist, sondern eben auch nur eine Schöpfung der Moderne, in Reaktion auf den Liberalismus gewesen ist.

Der NS kann eben kein Opponent des Liberalismus und der philosophischen Strömung der Aufklärung sein. An der inhaltlichen Oberfläche mag es Unterscheidungskriterien geben. Im Wesenskern jedoch, bauen alle universalistischen Theorien (Kommunismus, Liberalismus, NS/Faschismus) auf dem gleichen Fundament auf. Die Verabsolutierung eines Teilaspekts des menschlichen Daseins. Die lineare Geschichtsdeutung, wo die Historie auf einen Endzustand hinausläuft, der das erstrebenswerte humanistische Ideal ist, sowie die unbegrenzte Transformation des Menschen in einen immer höheren Zustand des Seins, den er aber von seiner geistigen Verfasstheit gar nicht integrieren kann.

Ich verbrachte noch einige Zeit um progressive Prozesse in meinem eigenen Umfeld voranzutreiben. Erfolglos jedoch. Was mich lange Zeit noch von einem direkten Engagement in der Identitären Bewegung abgehalten hatte, war deren dilettantisches Auftreten. Ebenfalls gab es in meiner Region nicht wirklich Ansprechpartner mit denen man in einem weltanschaulichen und politischen Austausch in Kontakt hätte treten können. So entschloss ich mich mit einigen weiteren Gefährten das Projekt Kontrakultur ins Leben zu rufen. Das Volumen an Ideen und Denkern der identitären Weltanschauung wollten wir nicht länger mehr nur im Stillen konsumieren, sondern uns mitteilen und somit zur Vervielfältigung der identitären Idee beitragen. Dadurch folgte natürlich auch der endgültige Bruch mit dem bis dahin gegebenen politischen Umfeld, wo es ohnehin schon längere Auseinandersetzungen in Theorie und Praxis des NW gab.

Für mich steht heute fest, dass der wirklich radikale (im Sinne von „an die Wurzel gehend) politische Widerstand nur in einer Durchbrechung der bisherigen universalistischen Dogmen erfolgen kann. Das Einstehen für Patriotismus, Heimatliebe, Tradition und Kultur kann nicht an einzelne historische Epochen und in ideologischen Verzerrungen verlaufen. Das menschliche Dasein konstituiert sich aus seiner Verwurzelung in eine konkrete Gemeinschaft, die auf dem Fundament ethnokultureller Identität steht. Ich bin davon überzeugt, dass die Widrigkeiten unserer Zeit unter denen die Völker Europas zu leiden haben nur durch das Ausbrechen aus diesem universalistischen Gefängnis beseitigt werden können. Unser Jahrtausendealtes Erbe ist umfassender, als es lediglich in einem geschichtlichen Narrativ von 12 Jahren ganzheitlich deuten zu wollen. Unsere Zeit verlangt nach Antworten die vor allem das gesunde Verhältnis zu Volk, Heimat, Herkunft und Kultur betonen. Jede Erhebung die den liberalen Universalismus einfach nur spiegelt, ist zum Scheitern verurteilt und fungiert nur als Stütze der herrschenden Ideologie. Durch die Selbstverortung zum NS-Lager gibt man vor das System bekämpfen zu wollen und ist blind vor der Tatsache, dass das System den NS als legitimierende Antithese und Feindbestimmung für sich selbst nutzt. Ganz im Sinne des russischen Intellektuellen Alexander Dugin ist es unsere Aufgabe an der 4ten politischen Theorie zu arbeiten und die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts auf den Müllhaufen der Geschichte zu schmeißen.

Oder um es mit dem deutschen Schriftsteller Ernst Jünger zu sagen: „Die Tradition muss vom Hakenkreuz getrennt werden.“

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog Kontrakultur MV