Nationalismus revisited – Teil 1

„Schon wieder ein Artikel über Nationalismus!“- dürfte der erste Gedanke treuer Leser bei dieser Überschrift sein. Sie werden sich nämlich noch an andere Artikel zur selben Thematik erinnern. Doch ich bin der Überzeugung, dass hier nicht nur einer, sondern viele weitere Artikel notwendig sein werden, um:

1. unser falsches Bild in der Öffentlichkeit klarzustellen
2. in den eigenen Reihen eine falsche Denkweise und Begrifflichkeit zu verändernIch will also in diesem Artikel noch einmal die Frage des Nationalismus von einem eigenen undogmatischen Standpunkt aus angehen. Wer in diesem Text lange Benoist-, Weißmann- und sonstige Zitate erwartet, wird vielleicht enttäuscht werden. Ich möchte das Thema ganz „unakademisch“ angehen und lade den Leser ein, mich dabei zu begleiten. Aber Achtung! Vor allem für einige Leute, die sich selbst als „rechts“ betrachten, besteht nach der Lektüre möglicherweise eine gewisse „Weltbildeinsturzgefahr“!


 I. Nationalismus vs. Patriotismus?

„Nationalismus ist Hass auf das Fremde und Überbewertung des Eigenen. Patriotismus ist Akzeptanz des Fremden und Liebe zum Eigenen.“ So oder so ähnlich klingt ein flotter Spruch, der immer wieder auftaucht, wenn es um die Frage des Nationalismus geht. Man könnte meinen, damit sei das Thema abgehakt. Identitäre sind Patrioten und Nationalisten sind rassistische Chauvis. Mitnichten!
Fast jeder, der sich selbst als Nationalist sieht, würde diesem Sprüchlein widersprechen und es als bloße Falschbehauptung bezeichnen. Was sagen die Nationalisten denn von sich selbst? Wie sehen sie sich?

In den politisch aktiven rechten Gruppen gibt es neben den Hardcore-Neonazis und Oldschool-Faschisten auch eine unüberschaubare Anzahl an Klein- und Kleinstgrüppchen mit verschiedensten ideologischen Ausrichtungen. Fast alle würden sich aber irgendwie zum Begriff des „Nationalismus“ bekennen, ob sie ihn nur als „sozial“, „anarchistisch“, „traditionalistisch“ oder sonst wie deuten.
Nationalismus sehen sie dabei nicht als Zeichen der Überbewertung des Eigenen und des Hasses auf das Fremde. Es ist für sie mehr ein Code und Schlagwort für Revolution. Nationalist zu sein bedeutet für sie subjektiv, den Status Quo nicht zu akzeptieren, gegen Liberalismus zu kämpfen und sich der Multikulti-Idee in den Weg zu stellen.
Patriotismus ist ihnen als Begriff zu sanft. Sie wollen nicht mit den ganzen bürgerlich-konservativen „Verfassungspatrioten“, die unsere Selbstabschaffung milde ablächeln; nicht mit dem bierseligen Heer der WM-Patrioten auf eine Stufe gestellt werden. Nationalismus ist für sie ein Begriff der Provokation, ein Bekenntnis, dass man selbst zum 3. Weg und 3. Lager gehört, das sich gegen den Multikulti-Liberalkapitalismus stellt, aber NICHT marxistisch ist.
Auch Ernst Jünger beschreibt im Vorwort zum „Aufmarsch des Nationalismus“ die Selbstbezeichnung als „Nationalist“ als einen derartig trotzig-revolutionären Akt:
„Wir nennen uns Nationalisten – dieses Wort ist uns durch den Haß des gebildeten und ungebildeten Pöbels, durch das Heer der Opportunisten des Geistes und der Materie geweiht.“

Eine Grafik, die unlängst als Antwort auf ein Multikulti-Propagandasujet der EU erschienen ist, zeigt es klar: Nationalismus ist der Integrationsbegriff der revolutionären, außerparlamentarischen, volks- und heimatbewussten Rechten in Europa. Nicht umsonst spricht man ja vom „nationalen Lager“.

nationalism

Nationalistische Persiflage auf eine EU-Werbung. Das Lambda ist zu Unrecht vertreten.

Man kann Nationalismus also niemals hinreichend kritisieren, indem man ihn mit dem oben zitierten Sprüchlein abhakt. Seine Kritik am wurzellosen Verfassungspatriotismus und dem oberflächlichen WM-Patriotismus hat ihre Berechtigung. Aber hat er deswegen in allem recht ? Wo setzt eine identitäre Kritik an?

 

II. Der Universalismus und die drei politischen Theorien

Jedem Kenner identitärer Weltanschauung dürfte es längst klar geworden sein: „Nationalismus“ ist ein Sammelbegriff für die 3. politische Theorie. Das Keltenkreuz und dieser Begriff umfasst sie wohl besser als die singulären Sonderfälle wie der historische Faschismus und der NS mitsamt ihrer Symbolik. Wir Identitäre definieren uns vor allem dadurch, dass wir die modernistischen Ideologien insgesamt einer Kritik unterziehen. Wir wollen nicht im Namen des Liberalismus, Nationalismus/NS und Marxismus kritisieren. Wir wollen auch nicht die Leichenzahlen von NS und UdSSR gegeneinander aufrechnen, um eine Ideologie als die „weniger mörderische“ darzustellen.
Ganz prinzipiell lehnen wir die drei modernen Ideologien ab und stellen uns gegen den Liberalismus und die Globalisierung, die derzeit als „1. politische Theorie“ den Globus beherrscht und uns mit Multikulti und Dekadenz die Luft abdreht.

Unsere Kritik an den drei politischen Theorien ist dabei vor allem gegen ihren Universalismus gerichtet. Jede dieser Ideologien hat ein fixes und dogmatisches Welt- und Menschenbild, das sie gegen die Vielfalt der Völker und Kulturen als absolute Wahrheit aufstellt und durchsetzen will.
Imperialismus, Internationalismus, Globalisierung, „Demokratisierung“, Weltrevolution, etc. sind die Schlagwörter dafür. Der Universalist tut so, als hätte er die absolute Wahrheit für sich gepachtet, als stünde sie bereits außer Frage und müsste nur mehr von ihm der ganzen Welt übergeben werden.
Anderen Völkern und Kulturen wird völlig abgesprochen ihre Rechte, ihre Wirtschaft, ihre Religion und Kultur frei zu entwickeln, da sie als „rückständig“, „primitiv“ oder „inhuman“ abgestempelt werden.

„Inhuman“ ist ein Schlüsselwort. Der Universalist bestimmt nämlich immer jeweils, was als Norm der „Menschlichkeit“, was als „fortschrittlich“ und „vernünftig“ zu gelten hat. In der Geschichte Europas gab es ein wildes Hin und Her aus solchen religiösen und ideologischen Universalismen, die jeweils glaubten, berufen zu sein, ihre „Wahrheit“ der ganzen „Menschheit“ zu bringen. Ein Großteil der westlichen Genozide und Verbrechen geht auf die Kappe dieses Denkens (Nebenbei: Auch der Islam ist universalistisch und will deswegen letztlich ein Weltkalifat und alle Menschen zu Muslimen machen. Dass nicht jede komplexe und umfassende Religion universalistisch ist, zeigt z.B. der Hinduismus).

Lange war Europa vom Virus dieses Universalismus‘ besessen und wälzte sich wie am Fieberbett von einem Extrem ins nächste. Der Universalismus verhindert nämlich jede harmonische und ganzheitliche Weltsicht ebenso wie jede echte Toleranz des anderen. Denn:
1. greift er immer einen bestimmten Aspekt des Daseins heraus und verabsolutiert ihn

2. will und muss er, weil er glaubt, damit die absolute Wahrheit zu haben, diese immer allen anderen aufzwingen.

Um die hier leider nötige Verkürzung noch ein wenig weiter zu treiben, will ich nun eine kleine „tour de force“ durch die drei politischen Theorien liefern:
a) Der Liberalismus, der aus der Aufklärung hervorging, kann als erste kompakte universalistische Ideologie bezeichnet werden (1. Politische Theorie: 1PT). Er will im Wesentlichen europäische Wirtschafts-, Technik-, Schul-, Rechts- und Denkstandards global verbreiten und dabei einen grenzenlosen „Weltmarkt“ schaffen. Er verabsolutiert das Subjekt und seinen persönlichen, rein willkürlichen Freiheitsanspruch „von“ allen Bedingungen. Er entfesselt den totalen Egoismus, zersetzt und zerstört organische gewachsene Gemeinschaften und Traditionen und lässt als Regelungen und Werte nur mehr den Marktwert und die Marktregelung zu.

b) Der Marxismus/Kommunismus kann als Antwort auf die 1PT betrachtet werden und setzt gegen ihren totalen Egoismus und Individualismus den Kollektivismus und die Gleichheit der Klasse. Er will einen einzigen Weltstaat nach westlich-modernem Muster schaffen, indem eine „rationale“ Planung die totale Gleichheit aller herstellt. Er verabsolutiert die Idee der sozialen Gerechtigkeit innerhalb einer konkreten Gemeinschaft zur totalen Vereinheitlichung der gesamten „Menschheit“, und den globalen Vernichtungskampf bis zur „Diktatur“ einer einzigen, gleichgeschalteten Klasse. Er zerstört die gewachsenen Gemeinschaften und Kulturen und beurteilt alles nur aus seiner ideologischen Perspektive heraus.

Beide Ideologien sind typisch universalistisch und damit gegen alle gewachsenen ethnischen und kulturellen Gemeinschaften feindlich eingestellt. Sie stehen ihren internationalistischen Bestrebungen, dem Weltstaat und Weltmarkt für die „eine Menschheit“, im Wege. Folgerichtig werden sie als „veraltete“ und „unmenschliche“ „Konzepte“ verworfen. Völker und Kulturen sollen verschwinden und der weltweiten Konsumgesellschaft oder der „internationalen Klasse“ Platz machen. Es erschließt sich uns Identitären fast von selbst, warum diese Ideologien absolut tödlich für jede ethnokulturelle Gemeinschaft sind und warum wir daher gegen Liberalismus und Marxismus ankämpfen müssen.

Was ist aber mit „Punkt c)“? Was ist mit der 3. politischen Theorie? Was ist mit dem Nationalismus und dem „nationalen Lager“?

 

III. Ist Nationalismus universalistisch?

Nationalisten würden nun sicher behaupten, dass ihr „3. Weg“ mit dem Internationalismus Schluss macht und endlich wieder Volk und Kultur in den Mittelpunkt bringt. Der Mensch wird endlich nicht nur als liberales Rechtssubjekt oder als sozialistischer Klassenangehöriger, sondern ganzheitlich, als Teil einer Nation verstanden und wahrgenommen.
„Nationalismus“, so seine Vertreter, „heißt nichts anderes, als die Interessen der eigenen Nation über alles andere zu stellen und ihr alle politischen, religiösen und wirtschaftlichen Fragen immer unterzuordnen. Es geht darum, immer einzig und allein das zu tun, was im Interesse der eigenen Nation liegt.“

Diese Haltung hat auf den ersten Blick eine stringente Logik. Lassen wir uns ein wenig auf sie ein. Wenn man den Plan als widernatürlich ablehnt, im Namen der „einen Wahrheit“ den „Weltstaat“ für die „“Menschheit“ zu schaffen, bleiben Völker und Kulturen als real existierende Gemeinschaften und Bezugspunkte. Sie bilden in ihrem Zusammenspiel, in ihrem Mit- und Gegeneinander die Politik.

Wenn man in einer politischen Streitfrage nicht zu seinem eigenen Volk hält, so ist man damit scheinbar automatisch auf der Seite des Gegners. Carl Schmitt hat das mit unerbitterlicher Schärfe ausgearbeitet. Es gibt keine Raum außerhalb des Politischen. Man kann hier, was sich im Ernstfall immer klar zeigt, nur einem Herren dienen. Wem würden die ganzen „integrierten“ Türken den folgen, gäbe es besagten Ernstfall und Konflikt zwischen Erdogan und der deutschen Kanzlerin?
Versteht man „Nationalist“ als „jemand, der dem Interesse seines Volkes dient“ ist man also anscheinend entweder „Nationalist“ oder ein „Verräter am eigenen Volk“. Doch so einfach liegen die Dinge eben gerade nicht.

Dass man in Fragen der Politik ganz prinzipiell die Interessen der eigenen Gemeinschaft vertreten soll, ist richtig. Hier ergeben sich aber zwei Grundlegende Fragen, die uns von Nationalisten unterscheiden.

1. Was ist diese Gemeinschaft? Was sind ihre Interessen?

2. Wie stehe ich zu dieser Gemeinschaft? Auf welche Art und Weise beziehe ich mich auf sie?

Bevor ich aber auf diese Fragen antworten werde, will ich ein wenig auf die Entstehung des Nationalismus eingehen, dabei aber – wie versprochen – nicht ins Detail gehen.

 

IV. Die kurze Geschichte des Nationalismus

Ich betrachte den Nationalismus als modernes Phänomen. Wichtig ist dabei, dass ich unter ihm eine Bezugsweise, also ein „Wie“ verstehe, nicht einen konkreten Gegenstand, also ein „Was“. Das, worauf er sich bezieht, die Völker und Kulturen, die ethnokulturellen Gemeinschaften, sind natürlich selbst kein solches neues Phänomen der Moderne Sie sind eine dynamische Traditionslinie, die sich über Transformationen und Wendungen bis zum Ursprung des Lebens selbst zurückführen lassen. Der Nationalismus ist hingegen nur eine bestimmte Ideologie, eine Art und Weise mit dem Volk umzugehen und sich auf es zu beziehen. Ich werde in der Folge die These aufstellen, dass es eine schlechte Art und Weise ist.

Ordnen wir ihn ideengeschichtlich ein, so entstand er Hand in Hand mit dem Liberalismus als modernes Phänomen. Herkunft, Heimat und Tradition spielten immer und überall schon ganz selbstverständlich eine große Rolle. So bewusst und exklusiv zum Problem der Politik wurden sie aber erst in der Moderne. Über den Grund dafür gibt es viele Theorien. Ich erlaube mir, eine eigene These aus identitärer Sicht zu präsentieren, die meiner Ansicht nach ein wenig zur Aufklärung beitragen könnte.

 

V. Volk statt Gott

In der mittelalterlichen Weltsicht, mit der die Moderne brach, hatte der christliche Gott die Stellung des absoluten und höchsten Seins inne. Von ihm allein leitete sich alle Wahrheit, alle Moral und alles Recht ab. Er hatte sich für Christentum, Judentum und Islam in einer exklusiven, geschichtlichen Form geoffenbart und war damit zum universalistischen Dogma geworden. Die Christenheit, als internationale, überkulturelle Gemeinschaft, war sein „historisches Subjekt“ – also Träger dieser Idee. Als nun die Aufklärung die Hegemonie des Christentums brach, wurde zwar Gott „entthront“, der „Thron „selbst aber blieb gewissermaßen intakt“. Anders gesagt: Man suchte erstens nach einem Ersatzwert für das Podest der absoluten Wahrheit; man suchte zweitens ebenso nach einer Ersatzgemeinschaft für das historisch-missionarische Subjekt der Christenheit.
Im Liberalismus entstand rasch die Ideologie der Menschheit, des Weltbürgertums und der „einen Vernunft“, welche die erste Rolle übernahmen und die christliche Weltsicht verweltlichten.
Ziel war es nun nicht mehr, alle Seelen auf Erden zu bekehren, um sie für ein Paradies im Jenseits zu gewinnen. Man wollte jeden Menschen im Hier und Jetzt „aufklären“, aus seinen traditionalen Gemeinschaften reißen und in einer vernünftigen, liberalen Weltrepublik ein „irdisches Paradies“ schaffen. Und das ist im Grunde bis heute das Wegprogramm von Marxismus und Liberalismus.
(Wir sehen hier auch einen wichtigen Unterschied zwischen religiösem und ideologischen Universalismus. Der erste muss nämlich nicht zwangsläufig die konkreten ethnokulturellen Gemeinschaften zerstören, da sich seine Idee von Menschheit vor allem auf das Jenseits bezieht.)

Nicht alle klinkten sich in diese neue liberale Ideologie ein. Im gleichzeitig aufkeimenden Nationalismus gewann die jahrhundertelang unterdrückte Sehnsucht nach der eigenen Identität, nach Freiheit und Selbstbestimmung als Volk und Kultur die Überhand. Statt des liberalen Kosmopolitismus‘ der „einen Menschheit“ wollte man das eigene Volk zum historischen Subjekt, also zum Zentrum der eigenen Geschichte machen.

Doch dabei blieb die Struktur des Denkens gleich. Sie blieb universalistisch; das heißt: Man glaubte immer noch an die eine offenbare, „objektive Wahrheit“, an die „eine Menschheit“ und ihre einzige, lineare Weltgeschichte. Man war nicht stark genug, sich wirklich zu einer identitären Weltsicht durchzuringen. Das Weltbild blieb universalistisch – nur der Träger dieses Weltbildes, das historische Subjekt änderte sich. Nicht ein kosmopolitischer Bund gleicher Menschen, deren einzige Kultur die „Vernunft“ ist, war berufen. Das eigene Volk und die eigene Kultur wurden zum Zentrum der universalistischen Weltgeschichte gemacht. Es wurde, bildlich gesprochen, auf den Thron des zu Tode „aufgeklärten“ Gottes gesetzt. Alles Recht, alle Wahrheit, alle Moral leitete man aus dem Volk und seiner Kultur ab. Der Chauvinismus, der vorher nur gegenüber den „Heiden“ auf die „wahrere Religion“ bezogen war, wurde allmählich zum Rassismus gegenüber den anderen „minderwertigen Kulturen“.

 

VI. Mängel altrechter Nationalismuskritik

Diesen Punkt muss man verstehen, wenn man meine identitäre Kritik verstehen will.
Anders als die klassische „altrechte“ Kritik geht sie nicht nur gegen einen „blutleeren Staatsnationalismus“, sondern auch und gerade gegen den völkischen Nationalismus, wie er in Deutschland vor allem vom deutschen Idealismus geprägt wurde.

Die Altrechten und Nationalisten kritisieren in der Regel nur den amerikanischen und französischen Nationalismus, weil bei ihm der Volks- und Nationsbegriff nicht exklusiv ethnisch, sondern inklusiv und kulturell gefasst wird: d.h. jeder kann Mitglied werden. Ihr Nationalismus ist im Grunde, so die Kritik, ein versteckter Internationalismus, weil ihr Volk wie eine Kirche oder Internationale aufgebaut ist: jeder kann theoretisch Mitglied werden und das Schema ist auch „exportierbar“.

Die Nation ist in diesem etatistischen Nationalismus im Grunde nur eine Blaupause für die Menschheit und den Weltstaat. Diese Kritik ist zwar richtig, aber man darf nicht bei ihr stehen bleiben: Sie fragt nämlich nicht nach der ideengeschichtlichen Genealogie (Herkunft) und damit der universalistischen Prägung des Nationalismus an sich. Die trifft sowohl auf seine völkischen als auch auf seine etatistischen Spielarten zu. Ob ius solis oder ius sanguinis- Nationalismus ist Universalismus. Die altrechte Kritik, die meist von bekennenden Nationalisten getätigt wurde, kann gar nicht so weit gehen, weil sie sonst zur Selbstkritik werden müsste.

 

VII. Am deutschen Wesen?

Um meine These weiter zu stärken, will ich nun dem speziell völkischen Nationalismus, wie er in Deutschland entstand, näher auf den Zahn fühlen. Ungelesen, unbegriffen und unreflektiert gelten Personen wie Fichte, Hegel, etc. in der rechten Szene als „Säulenheilige“. Man klaubt ein paar Zitate zusammen, in denen sie schöne Sachen über Deutschland sagen und hakt sie als „große deutsche Denker“ ab. Das ist eine fatale Oberflächlichkeit, die auch den Philosophien selbst nicht gerecht wird. Denn: Man huldigt hier Universalisten! Allen voran Hegel. Wenn er etwa sagt:„ Der germanische Geist ist der Geist der Freiheit“, so will er nicht einen Wesenszug seines Kulturraums herausstreichen. Er sieht die christlich-germanischen Völker als Träger einer heiligen welthistorischen Mission; die Idee der „Freiheit“, die bei Hegel letztlich Internationalismus, Liberalismus und Weltstaat bedeutet, muss von ihnen allen anderen Völkern gebracht werden – ob sie wollen oder nicht. Weder die Germanen, noch die zu „zivilisierenden“ „Primitiven“ haben nach Hegels universalistischer Doktrin eine Wahl. Es ist der notwendige Verlauf des „Fortschrittes“.
Hegel gibt dem deutschen Volk und zumal Preußen zwar eine große Rolle in diesem Schicksalstheater, doch diese Rolle entspricht nicht seinem echten Wesen und seinem Telos – sie ist die Hauptrolle der abstrakten, universalistischen Menschheitsgeschichte, die Hegel sich rassistisch, eurozentrisch und abgehoben zusammenspinnt. Hier ist nicht der Raum, näher auf seine unerträgliche Ideologie einzugehen, aber sein Denken ist das Grundschema des universalistischen Nationalismus, ob etatistisch oder völkisch geprägt.

Ihm geht es in seiner aufklärerischen Urform niemals um das konkrete Volk selbst. Das Volk ist immer nur Träger und Werkzeug einer „welthistorischen Mission“. Es ist allen anderen überlegen, weil es mit der Wahrheit im Bunde ist, weil es eben an die Stelle des christlichen Gottes getreten ist. (Nicht zufällig entstehen in dieser Zeit auch esoterische Mythen, wonach Jesus selbst einem bestimmten europäischen Volk angehört haben soll: nämlich immer dem eigenen.) Es hat ein totales und absolutes Recht gegen alle anderen Völker – aber eben nur weil und solange es mit dem Weltgeist (der bei Hitler später zur „Vorsehung“ degeneriert) im Bunde ist.

In allen europäischen Völkern, die vom Nationalismus infiziert wurden, wuchs so ein chauvinistischer Wahnsinn heran. Der Fanatismus, mit dem sich früher nur Christen und Muslime, Evangelische und Katholiken untereinander bekämpft hatten, wurde zwischen die Völker Europas gesät. Warum? Weil sie die jeweils neuen Träger eines Universalismus, eines nationalen „Minimonotheismus“ geworden waren, dessen Gott sie selbst waren.
Die Franzosen dachten, sie müssten der ganzen Welt ihre Kultur bringen, die Engländer sahen ihre Rasse als göttliche Zivilisationsbringer und die „verspäteten“ Deutschen meinten, an ihrem „Wesen“ müsse „die Welt genesen“.
Das ist Universalismus reinsten Wassers! Es ist die Totalisierung des eigenen Welt- und Menschenbildes als „überlegen“ und der Wahn, alle damit „beglücken“ zu müssen.

Dass der völkische Nationalismus, hier um keinen Deut besser ist, zeigt kein anderer als Johann Gottlieb Fichte, DER Vordenker eines deutschen Nationalismus.

Text im Original von Martin Sellner, erschienen auf www.identitaere-generation.info.

Ergänzend zu diesem Text ein Podcast von Martin Sellner: http://martin-sellner.at/2017/04/03/podcast-3-nationalismus-revisited/