Metapolitische Räume – Macht und Moral

Von Redaktion

Ohne Zweifel. Die metapolitischen Räume im gesellschaftlichen Diskurs sind heute weitgehend linksdominiert. Mehrfach haben wir diesen Aspekt in anderen Texten herausgeschält und deutlich gemacht, dass das Veränderungspotential heute nur auf einer metapolitischen Linie verlaufen kann. Dabei reicht jedoch nicht nur die Erkenntnis über die linke Dominanz in der Gesellschaft aus. Vielmehr müssen wir verstehen wie die linksliberalen Entscheidungsträger ihren metapolitischen Vorbau strukturell stabilisieren und wie die einzelnen Mechanismen der Herrschaftsausübung ineinandergreifen. Die nachfolgenden Gedanken sollen vor allem die Symbiose zwischen Macht und Moral skizzieren.

 

Macht und Moral

Kein politisches System und keine gesellschaftliche Ordnung kommt ohne einen moralischen Überbau und ethisches Wertegerüst aus. Macht und Herrschaft sind eng verknüpft mit einer stetigen Legitimation, die sich durch einen moralischen Rahmen ableitet. Eine Elitenentscheidung wird von der breiten Masse am ehesten angenommen, wenn sie mit den herrschenden moralischen Standards im Einklang steht. Symbole, Werte, Sprachcodes und Solidaritätsverständnis ordnen sich den herrschenden moralischen Begebenheiten unter. Die Moral ist also die notwendige Ergänzung zur Machtausübung. Sofern die moralische Legitimation bröckelt werden auch andere Institutionen der politischen Gesellschaftsordnung instabil. Das System versucht in diesem Zusammenspiel seine moralische Vorherrschaft auszudehnen und alle Opponenten mittels Stigmatisierung und Diffamierung als unmoralisch abzustempeln.

Exemplarisch können wir diesen Prozess im gegenwärtigen Zeitgeist nachvollziehen. Seit der Kulturrevolution durch die 68er Generation, können wir einen stetigen Transformationsprozess der Moral beobachten. Während das Nachkriegsdeutschland noch durch konservative Zentralwerte gekennzeichnet war, die die Familie als Keimzelle des Volkes betonten, Sittlichkeit und Anstand als unwiderrufliche Merkmale des gesellschaftlichen Lebens galten, und man sich generell in einer konservativen und erhaltenden „Beständigkeit“ versuchte, um die Grausamkeiten des Krieges zu verarbeiten, gelang es der 68er Bewegung und dem akademischen Überbau der Frankfurter Schule diese konservativen Wurzeln aus dem Boden zu reißen und den Menschen für ein neues Gesellschaftsprojekt verfügbar zu machen. Den Konservatismus und die bürgerliche Gesellschaft sahen die 68er als die Nachwehen der faschistischen Diktatur 33-45, was der endgültigen emanzipierten und von allen gesellschaftlichen Zwängen befreiten Gesellschaft im Wege stand. Nach der vor allem rein ideologisch geprägten Vorherrschaft folgte schon bald auch die administrative Besetzung gesellschaftlicher Schlüsselstellen, die auch als „Marsch durch die Institutionen“ bekannt ist. Die neu eingesetzten Eliten wirken dann schließlich wieder als Multiplikatoren, die die Autoritätsargumente für die eigene Ideologie, allein schon durch ihre gesellschaftliche Stellung liefern.

Schon mit den 68er wird deutlich, dass es ihnen nicht um einen sachlichen Diskurs ging, der die konservativen Werte auf einer analytischen Ebene widerlegt. Sie sahen und sehen sich noch heute im historischen Auftrag als Verfechter einer besseren und gerechteren Gesellschaftsordnung, die vor allem auf der grundideologischen Basis aufbaut, dass das Subjekt nicht in eine höhere Ordnung eingebunden sei, welche sich außerhalb seiner rein individualistischen Stellung konstituiert. Jegliche Daseinsdeutung erfolgt aus einer rein subjektivistischen Perspektive. Alles was sich mit gruppenbezogenen und kontextgebundenen Gemeinschaften einbindet, erscheint den Verfechtern der linksliberalen Ideologie als Hindernis welches überwunden werden muss. Paradoxerweise ist ihnen hierbei die NS- Diktatur der fleißigste Diener, aus dessen Pool sie sich immer wieder mit moralischen Instrumentalisierungen bedienen können. Ohne den NS hätte die heutige Linke vermutlich nicht allzu viele historische Analogien aus denen sie zur eigenen Herrschaftsstabilisierung schöpfen könnte. In der „Freund-Feind“ Unterscheidung nach dem Staatstheoretiker Carl Schmitt hat sie sich einen fruchtbaren Boden erschlossen der alle ethischen Waffen bestens munitioniert und ausrüstet.

 

Stigmatisierung als Diskursverweigerung

Wo wir schon gerade bei Carl Schmitt sind, lohnt sich hier ein kleiner themenbezogener Exkurs. Neben weiteren Vertretern der konservativen Revolution und Philosophen wie Martin Heidegger kann man die Schwäche des linken Diskurses gerade an solchen Beispielen wunderbar illustrieren. Schmitt wird von Linken meist mit dem Titel „Kronjurist des dritten Reiches“ belegt. Sein temporäres Bündnis mit dem NS lässt sich rein faktisch gewiss nicht abstreiten. Seine wissenschaftlichen Leistungen in Staatstheorie, Liberalismuskritik und Völkerrecht sowie seine spätere Abkehr von der NS Ideologie bleiben dabei jedoch unberücksichtigt. Allein der Hinweis auf sein NS Engagement bleibt auf ewig ein sogar posthumes Stigma, wodurch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den expliziten Inhalten bedeutungslos wird.

Und genau das zeichnet moralische Vorherrschaft aus. Ein selbsterklärendes Sprachgerüst welches wie auf Knopfdruck bei Schlagwörtern wie Rassismus, Faschismus, Homophobie, Reaktionär etc. automatische Reize auslöst, die sich sofort mit Negativassoziationen verknüpfen. Dem gegenüber stehen Begriffe wie Vielfalt, Bunt, Weltoffen und Fortschrittlich immer für einen Positivzusammenhang. Bedienen sich jedoch „Rechte“ linker Sprachmuster, will man darin jedoch immer einen Sprachcode erkennen, denn es im negativen Sinne zu dechiffrieren gilt. Sofern die bösen Rechten schließlich einen Begriff wie „Vielfalt der Völker“ aneignen, ist hierbei schnell ein „Rassismus“ ausgemacht der im eigenen Volk andere ethnische Gruppen ausschließen will. Alle weiteren Erläuterungen zum Ethnopluralismus stoßen anschließend auf taube Ohren. Die eigenen moralischen Interpretationen werden hierbei jedoch als unantastbare Absolutheit gesetzt.

Sollten dennoch rechte oder konservative Positionen in größere und wirkmächtigere Diskursräume vordringen, so sind auch hier Präventivmaßnahmen vorgesehen, die im Zweifel auch von einer Ausdehnung der moralischen Standards flankiert werden. Die Ideologie der Menschenrechte die wir bereits in einem früheren Beitrag analysiert haben, dient quasi als Ersatzstütze wenn der historische „Faschismusvorwurf“ seine Wirkung verfehlt. Ebenfalls kann sich eine Ideologie nicht ausschließlich auf die reine Moral stützen. Sie übt lediglich eine ausfüllende Funktion der systemischen Gesamtlegitimierung aus und ist niemals als reine Essenz zu betrachten. In einer pluralistischen Gesellschaft stehen sich immer verschiedene moralische Konzepte gegenüber. Dass die linksliberale Ideologie lediglich auf ihre eigenen moralischen Grundsätze Wahrheitsanspruch erhebt, unterstreicht nur den schleichenden und sanften Totalitarismus der in unserer Gesellschaft um sich greift.

 

Moral als Waffe

Gerade heute erleben wir ein zunehmendes Anwachsen einer politischen Moralblase wo gesellschaftlicher Widerspruch und die demokratisch verbrieften Grundrechte nur noch im Rahmen eines dezidiert linken Protestes geäußert werden dürfen. Das was in der herrschenden Ideologie als Opposition anerkannt wird ist also lediglich ein Scheinwiderspruch der notfalls von den eigenen moralischen Grundsätzen absorbiert wird. Das Wesen des „Politischen“ welches durch das antagonistische Aufeinanderprallen verschiedener Positionen [1] charakterisiert ist wird in der linksliberalen Ideologie zu einer Konsenskultur zusammengefasst, wo der Widerspruch lediglich künstlich simuliert wird. Der eigene Deutungsrahmen von Begrifflichkeiten erscheint als ein statisches Substrat, was unter der eigenen Interpretation die historische Mission von der vollends emanzipierten Gesellschaft unterstreichen soll.

Wir sehen also, dass die Moral und ihre Ausdehnung auf quasi jeden gesellschaftlichen Diskurs die stärkste Waffe der linksliberalen Ideologie ist. Die moralische Vorherrschaft offenbart jedoch auch eine entscheidende Schwäche. Ein System ist nur solange stabil, sofern die Diskrepanz zwischen dem moralischen Sollzustand nicht zu stark von der eigentlichen gesellschaftlichen Realität abweicht. Dass die illusorische Traumblase der Linken zunehmend Risse bekommt dürfte offensichtlich sein. Bereits in einigen Artikeln haben wir auf eine Ereigniskette hingewiesen, die bereits seit einigen Jahren im Gange ist. Unmissverständlich nehmen wir einen Zustand wahr wo bspw. die Ansichten und Meinungen zur multikulturelle Gesellschaft, als das Aushängeschild linker Emanzipation und Transformationsbestrebungen, nicht mehr deckungsgleich mit den Vorstellungen sind, was zumeist mit den Vokabeln bunt, friedlich und weltoffen beschrieben wird. Es wird sich zeigen wieweit die moralischen Vorposten noch stabil sind und der allseits beliebte „Nazivorwurf“ den eigenen linksliberalen Vorherrschaftsanspruch unterstreichen kann.

Bisher ist die herrschende Ideologie zwar stark genug um die moralischen Folgemuster aus Stigmatisierung und Ausgrenzung wirksam beizubehalten. Für ein sinnstiftendes Wertesystem welches mehr ist als nur rhetorische Schleier, fehlt dem Liberalismus die Stärke. Eine Gemeinschaft muss auf mehr aufbauen als nur auf Verfassungsgarantien und abstrakten Menschenrechten. Sie braucht einen gemeinsamen Identitätsrahmen, der sich aus der geschichtlichen Kontingenz ableitet und dabei auf einem ethnokulturellen Fundament aufbaut.

 

Mit Moral gegen die Hypermoral

Welche Aufgabe kommt nun uns als Identitäre in diesem metapolitischen Spannungsfeld zu? Sicherlich können wir hier keinen Masterplan liefern, der einem statischen Muster folgt, welches es abzuarbeiten gilt. Die ausgeführten Gedanken sollen vielmehr als Anregung verstanden werden um die Herrschaftsausübung der linksliberalen Ideologie bloßzustellen und ihr rein moralisches Agieren als Schutzschild vor der eigenen intellektuellen Unzulänglichkeit zu enttarnen. Für die Neue Rechte reicht es eben nicht nur sachorientiert linke Dogmen zu widerlegen. Wir müssen auch einen moralischen Gegenentwurf zeichnen, der sich an den konservativen Grundwerten misst und die begrenzte menschliche Verfügbarkeit für allerlei Gesellschaftsexperimente verdeutlicht.

Der Mensch als ein in Zeit und Raum gestelltes Wesen, dessen Horizont sich immer von seiner ethnokulturellen Gemeinschaft ableitet und von der aus er sich seiner Stellung in der Welt bewusstwird, ist unser moralischer Grundsatz. Beständigkeit, Haltung und das Bewahrende sind unsere Gegenspieler zum linksliberalen Fortschrittswahn und der „permanenten Revolution“ (Leonid Trotzki). Dazu aber mehr in einem zeitnah erscheinenden Artikel über „Konservative Grundprinzipien“.

 

 

[1] Chantal Mouffe – „Agnostik – Die Welt politisch denken“ Suhrkamp Verlag 2014

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog www.kontrakultur.de, welcher mittlerweile nicht mehr existiert.