Identitäres Offiziersethos

Von Volker Zierke

„Viel leisten, wenig hervortreten; mehr sein als scheinen“, steht heute noch an den Wänden vieler Kasernengebäude. Diese zum Sinnbild gewordenen Worte des preußischen Generalfeldmarschalls Alfred von Schlieffen sind Handlungsanweisung für die Soldaten, vor allem aber für die Offiziere, die Truppenführer. Wenn auch die Überschneidungen nicht sofort offensichtlich sind, so traten doch im Lauf der europäischen und deutschen Geschichte immer wieder pflichtbewusste Offiziere hervor, die durch persönliche Haltung und Vorbild die Ideale „Heimat – Freiheit – Tradition“ bewahrten und die der identitären Idee im besonderen Maß verbunden sind. Gemeinsamkeiten zwischen beiden Gruppen – identitären Aktivisten und Offizieren – lassen sich sowohl in den Aufgabenfeldern, dem Selbstverständnis und der Einstellung finden. Eine Aufzählung ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Beim Militär sind die Offiziere die Führungspersönlichkeiten; diejenigen, auf die die Soldaten sehen, wenn sie selbst nicht mehr weiterwissen. „Der Fels in der Brandung“, der den Soldaten Halt und Handlungssicherheit gibt. Nicht nur durch taktisches Geschick entscheidet der Offizier eine Schlacht, sondern auch durch Charakterstärke. Dem Wahlspruch Schlieffens folgend, ist nichts schädlicher – und in letzter Konsequenz tödlicher – als Offiziere, die mehr scheinen als dass sie sind. Damit ist letztendlich das gemeint, was das Offiziersethos verkörpert: Sich ungeachtet der eigenen Leistungen weder auf ein Podest zu stellen, noch in Prahlerei zu verfallen. Ein Offizier tut mit stoischer Ruhe das, was seine Pflicht ist. Neigt man dazu, mehr zu „scheinen“ als zu „sein“, erschafft man bei den Kameraden und Mitstreitern eine unwirkliche Erwartungshaltung. Als Offizier muss man die in ihn gesetzten Erwartungen aber auch erfüllen. Tut man das nicht, verlieren die Soldaten das Vertrauen in ihren vorgesetzten Offizier. Gerade weil jeder Schritt eines Offiziers von seinen Untergebenen beäugt wird, kann er sich keinen Fehltritt erlauben. Ähnlich ergeht es Aktivisten der Identitären Bewegung, denen ebenfalls alles negativ Auffindbare (und Nichtauffindbare) durch die Medien angelastet wird. Aktivisten stehen genau wie Offiziere immer im Mittelpunkt, jede Bewegung wird beobachtet und kommentiert. Persönlichkeiten wie Martin Sellner wird vermutlich noch ihr ganzes Leben lang vorgeworfen werden, früher die Nähe zu rechtsextremen Kreisen gesucht zu haben, egal wie glaubhaft sie sich heute davon distanzieren. Umso wichtiger ist es für eine neue Generation von Aktivisten, sich diese Leitlinien von der „preußischen Korrektheit“ anzueignen. Im Sinne Schlieffens bedeutet das nicht weniger als zu jeder Zeit Anspruch und Wirklichkeit deckungsgleich zu halten.

Während man in populärwissenschaftlichen Darstellungen oder in öffentlichen Diskussionen gern dazu neigt, den preußischen Offizier als eine fest in den allgemeinen Konsens der damaligen Zeit integrierte Person zu begreifen und sein Verhalten als „Kadavergehorsam“ zu bezeichnen, ist gerade ein solcher „blinder Gehorsam“ keine Eigenschaft, die einen preußischen Offizier ausmacht. Vielmehr verlangt das Aufsichnehmen von Verantwortung und das Treffen von weitreichenden Entscheidungen einen zielsicheren Wertekompass, der sich nicht an gesellschaftlichen Konventionen oder einer vorherrschenden Meinung orientiert. Ewiges Beispiel muss die Entscheidung des damaligen Generalleutnants Ludwig Graf Yorck von Wartenburg sein, als er entgegen dem politischen Willen seines Königs am 30. Dezember 1812 bei Tauroggen einen Waffenstillstand mit Russland schloss, um den gemeinsamen Kampf in einer deutsch-russischen Waffenbruderschaft gegen die napoleonische Fremdherrschaft zu ermöglichen. 1807 war Preußen von den Franzosen zu einem Diktatfrieden gezwungen worden und fristete fortan ein Dasein als Marionette Napoleons. König Friedrich Wilhelm III. war unfähig, sich und sein Volk aus dieser Misere zu befreien, sodass sein General Yorck die sich ihm darbietende Gelegenheit nutzte und einen Waffenstillstand mit den Russen schloss. Mit dieser Befehlsverweigerung wurde nicht nur das Vaterland, vielmehr die deutsch-preußische Identität in ihrer bedrohlichsten Stunde gerettet. Ein Preußen als französischen Wurmfortsatz konnte ein Offizier wie Yorck nicht akzeptieren. Der Offizier und Identitäre folgt ebenso einem Antrieb danach, „im richtigen Moment das Richtige“ zu tun.

Für sein forsches Vorpreschen bot Yorck seinem Herrscher den eigenen Kopf an. Als Aktivist bekommt man den Gegenwind aus allen Richtungen zu spüren, ohne dass einen das vom eigenen Weg abbringen könnte. Für den Aktivisten ist nicht wichtig, was die Mehrheit über ihn und sein Engagement denkt. Yorck – bereit, das Todesurteil zu empfangen – sagte: „Ich würde mit der freudigen Beruhigung sterben, wenigstens nicht als treuer Untertan und wahrer Preuße gefehlt zu haben.“ Überzeugung kennt keinen Zeitgeist. Offiziere sind nicht dazu geboren, sich wie ein Fähnlein im Wind zu drehen, sondern als Berufssoldaten über Jahrhunderte tradierte Werte an die Wehrpflichtigen – die als nur kurzfristig dienende Soldaten diese Ideale nicht von selbst verinnerlichen können – weiterzugeben. Dies verlangt Ausdauer und Beharrlichkeit. Der identitäre Aktivist als Kämpfer gegen die Postmoderne und den linken Zeitgeist wird immer in Opposition zu deren Verfechtern stehen. Diesen Widerstand muss er nicht nur aushalten können, er braucht ihn als natürlichen Kompass, nach den Worten Hans Milchs: „Wehe uns, wenn uns die Welt nicht für anmaßend halten muss!“

Verantwortung und Entscheidungsgewalt verlangen aber auch den Charakterzug der Standhaftigkeit. Mit schwerwiegenden Entscheidungen muss der Offizier umgehen können, weil seine Befehle auch den Tod der eigenen Männer bedeuten können. Standhaftigkeit ist darum so wichtig, da die Untergebenen das Vertrauen in ihren Anführer verlieren, wenn sie das Gefühl bekommen, nur Verhandlungsmasse auf dem Schlachtfeld zu sein. Truppenführer müssen sich deshalb jederzeit über die Konsequenzen ihrer Taten bewusst sein und diese – falls nötig – tragen. Für den identitären Aktivisten wird seine Standhaftigkeit zur Waffe: Mit Outings versuchen sogenannte Antifaschisten, Aktivisten in die Öffentlichkeit zu ziehen, und hoffen darauf, dass sie dadurch sofort von ihrem Handeln ablassen und sich in die Anonymität zurückziehen. Mit Standhaftigkeit wird dieser Klinge jedoch jede Schärfe genommen. Mit dem offenen Umgang und der Botschaft „Ja, ich bin ein Aktivist!“ wird jegliches Outing zur Makulatur, mit jeder „Diffamierung“ machen sich die selbsternannten Sittenwächter zum Gespött. Diese Standhaftigkeit bzw. Standfestigkeit setzt allerdings beim Aktivisten voraus, dass er sich jederzeit über sein Handeln bewusst ist und dass er bereit ist, die möglichen Konsequenzen – Jobverlust, soziale Ächtung, mediale und körperliche Angriffe – voll zu tragen. Denn umgekehrt bestärkt jeder Aktivist, der sich aufgrund von Repressionen zurückzieht, die linksgrünen Drahtzieher in ihrem Handeln.

Mit jedem verlorenen Aktivisten wird auch die Gemeinschaft schwächer. Ein ausgesprochener Gemeinschaftssinn ist sowohl für Aktivsten als auch für Offiziere zentral. Offiziere als Truppenführer sind maßgeblich dafür verantwortlich, aus einem Heerhaufen eine schlagkräftige Einheit zu formen, die mehr ist als rohe Substanz. Genauso – wenn auch weniger martialisch – ist es beim Aktivisten. Es ist erforderlich, aus einem bunt zusammengemischten Haufen eine handlungsfähige Gruppe zu bilden, die jederzeit ihr Ziel vor Augen hat. Parteipolitik und persönliche Differenzen treten dann zurück und müssen hintanstehen. Genauso wie der Offizier seine Soldaten zu einer Formation zusammenschließt, in der sie erst ihren Kampfwert erhält, so brauchen die identitären Gruppen diese Gemeinschaft, die es ihr erst möglich machen wird, den Kampf gegen einen erdrückenden Zeitgeist aufzunehmen. Jeder muss wissen, dass er sich zu hundert Prozent auf seinen Mitstreiter verlassen kann, dass dieser genauso für die Sache eintritt wie er selbst.

All dies wird von einem unabdingbaren Selbstverständnis getragen. Wenn diese Ideale nicht verinnerlicht sind, können sie nicht vertreten werden. Für den preußischen Soldaten gibt es kein „außer Dienst“. Entweder steht er immer für die genannten Ideale ein oder niemals richtig. Und weil „ganz oder gar nicht“ ein denkbar unpassendes Schlusswort zwischen Schlieffen und Yorck wäre, lasse ich die Worte von Nicolás Gómez Dávila diese Überlegungen beenden: „Dem 19. Jahrhundert gelang nur eine ethische Konstruktion großen Stils: das preußische Offizierskorps.“