Gedanken zur Fortschrittslehre – Teil II

Heute wird der Fortschritt fälschlicherweise als geschichtliche Notwendigkeit betrachtet. Er gilt als alternativlos, wenn man keinen Stillstand oder einen Rückfall in – nach diesem Gedankengang – rückständige Verhaltensweisen und Wissensstände riskieren möchte. Der Fortschritt wird zum Dogma. Die Zusammenführung der Menschheit zu einer Einheit, um sie auf den gleichen Stand zu bringen, wird zu einer unausweichlichen Dringlichkeit. Werte werden dabei nur anerkannt, wenn sie als fortschrittlich gelten. Die Lehre zerstört also den Wertepluralismus und wertet alle entgegengesetzten Meinungen als rückständig ab. Alles was neu und modern ist, muss zwangsläufig eine Verbesserung sein und jede Tradition muss früher oder später verworfen werden. Die Gesellschaften, die am stärksten dieser Lehre verfallen sind, entwickeln geradezu eine Gier nach dem Neuen und Modernen, die zur Obsession wird. Eine Modeerscheinung ersetzt in immer kürzeren Abständen die nächste und nichts hat mehr Bestand. Diesen Trends verfällt nicht nur die Sprache und der Kleidungs-, Musik- oder Kunstgeschmack, sondern die gesamte Lebensgestaltung.

“Fortschritt” und “Zivilisation” werden heute nahezu synonym gebraucht. Unter dem Deckmantel des Fortschritts wird der Neokolonialismus vorangetrieben, der die Werte der westlichen Zivilisation auf der ganzen Welt verbreiten soll. Die Rechtfertigung für die Eingriffe in die Freiheit der Völker unterscheidet sich dabei nur auf den ersten Blick von den Argumenten, die bei der historischen Kolonisierung angeführt wurden. Grundlage ist heute eine subtilere Form des alten Rassismus nachdem traditionelle Zivilisationen ebenso als minderwertig und rückständig angesehen werden. Der “Zivilisatorische Auftrag”, in dessen Pflicht man sich heute sieht, hat die Aufgabe, die Werte der Menschenrechte, der parlamentarischen Demokratie und der Marktwirtschaft, mit allen Mitteln in sämtliche Teile der Welt zu tragen. Jeder Mensch muss Zugang zu Geldscheinen, Fernsehprogramm, Softdrinks und Wahlzetteln bekommen, ob er das will oder nicht. Vielfach werden dabei gesunde Strukturen unwiederbringlich zerstört und nicht zuletzt auch Kriege geführt. In der Schrift “Fortschritt kann töten”, die von der größten internationalen Hilfsorganisation für bedrohte indigene Völker herausgegeben wurde, heißt es: “Ihnen [indigene und tribale Völker] „Fortschritt“ aufzuzwingen bringt kein längeres, glücklicheres Leben, sondern eine kürzere, trostlose Existenz, der man nur durch den Tod entfliehen kann. Dieser „Fortschritt“ hat bereits zahlreiche Völker zerstört und bedroht viele weitere.”.1)

Es gibt kein allgemeines Kriterium, nachdem man objektiv entwickelte von weniger entwickelten Gesellschaften unterscheiden könnte. Völker und Gesellschaften, die für uns als primitiv gelten, sind einfach andere Völker und Gesellschaften und keine rückständigen mit Aufholbedarf. Für sie gelten andere Maßstäbe und Werte als für uns und wir haben kein Recht, sie von unseren subjektiven Betrachtungen aus als minderwertig zu verurteilen und ihnen unseren Standpunkt aufzuzwingen. Wenn wir Gesellschaften vergleichen, können wir höchstens von unterschiedlichen Arten innerhalb desselben sprechen. Claud Levi-Strauss, einer der bedeutendsten Anthropologen des 20. Jahrhunderts, hat längst demonstriert, dass “Wilde” nicht weniger logische Kompetenzen haben als wir; ihre Denkweise ist nur eine andere.

Einen ähnlichen Rassismus pflegt die Fortschrittslehre gegenüber unseren Vorfahren. Doch unsere Vorfahren waren keine unterentwickelte Variante von uns. Lediglich ihre Lebensweise unterschied sich von der unseren. Tradition ist für die Fortschrittslehre zum Hindernis geworden. Sie muss die vorangegangenen Generationen nach ihrer Idee abmessen und sich als überlegen darstellen. Diese Überheblichkeit hat Folgen. Es wird unmöglich, aus der Vergangenheit zu lernen, weil davon ausgegangen wird, dass alles besser, vernünftiger und fortschrittlicher verläuft als zuvor. Unserem Lebenszusammenhang wird der Wert der Herkunft und des Ahnengedenkens, also der größte Teil der gemeinsamen Vergangenheit, genommen und von der Zukunft können wir keine große Beachtung mehr erwarten. Alles wird vergänglicher und wir können nichts als abbruchreife Betonmauern und Glasfassaden hinterlassen. Unser Nachlass wird für die Nachfahren im gleichen Maße rückständig und wertlos sein, wie es das Erbe unserer Ahnen für uns heute sein soll. Vielleicht werden wir für die kommenden Generationen sogar noch unbedeutender und anonymer sein, als sich das in der heutigen Fortschrittslehre abzeichnet.

Wie Alexander Dugin in seinem Buch “Die Vierte Politische Theorie” sehr aufschlussreich geschildert hat, unterliegt die Idee von stetiger Entwicklung und anhaltendem Fortschritt einem Monotonverhalten, welches immer fatale Folgen hat. Er schreibt: “Monotone Prozesse verlaufen ihrem Wesen nach immer nur in eine Richtung, zum Beispiel, alle ihre Indikatoren steigen konstant ohne zyklische Schwankungen und Schwingungen. Aufgrund der Untersuchungen des Monotonverhaltens auf drei Ebenen – der biologischen (Leben), der mechanischen (Dampfmaschine, Verbrennungsmotoren) und der, der sozialen Phänomene – hat Bateson [Gregory Bateson ist ein englischer Anthropologe und Kybernetiker] den Schluss gezogen, dass ein solches Verhalten, wenn es in der Natur vorkommt, eine Spezies sofort vernichtet; wenn die Rede von einer Maschine ist, versagt sie; eine Gesellschaft gerät in Verfall und verschwindet. Monotonverhalten in der Biologie ist lebensunfähig – es ist ein antibiologisches Phänomen. Monotonverhalten kommt in der Natur überhaupt nicht vor. Alle Vorgänge, die nur einen Gegenstand anhäufen oder nur eine gewisse Eigenschaft hervorheben, führen zum Tode. (…) Wenn wir die Beweislage ohne evolutionäres Vorurteil betrachten, dann stellen wir fest, dass Monotonverhalten nur in der menschlichen Vorstellung vorhanden ist; in anderen Worten, es ist eine ideologische Konstruktion. Bateson hat demonstriert, dass es weder in biologischer, mechanischer oder sozialer Wirklichkeit existiert”2). Gerade nach diesem Monotonverhalten richtet sich auch der Irrglaube an ein unbegrenztes Wirtschaftswachstum. Hier hat die Idee ihren Ursprung, nach der ein immer höheres Warenangebot auch höheres Glück bedeutet und dass sich dieses Glück auch auf alle anderen Bereiche übertragen wird. Mit wachsendem Glück und wachsender Vernunft würde nach diesem Plan dann die ganze Welt in einem friedlichen Utopia zusammenfinden. Dieser blinde Glaube an ein illusorisches Paradies und die Naivität hinter dem angestrebten Wachstum schaffen den Rahmen für die große Zerstörung, die wir heute erleben.

Es gilt nun, an die Stelle des Monotonverhaltens und an die Stelle des falschen Glaubens an Modernisierung, Entwicklung und Fortschritt, ein neues Verständnis von Ausgleich und Einklang zu setzen. An vorderster Stelle kommt das Leben und das ist mit dem harmonischen Grundsatz von Werden und Vergehen verbunden. Die Philosophie- und Kulturgeschichte vollzieht sich ebenfalls in zyklischen Prozessen. Es gibt Wachstum, aber auch Verfall. Nur an monotone Entwicklung zu glauben, widerspricht allen natürlichen Normen und der Logik des Lebens. Es gibt auch Fortschritt, aber der ist relativ und nicht absolut. Er darf nicht zur dogmatischen Lehre und niemals zur universalistischen und obersten Maxime werden. Das Leben folgt keinem linearen Fortgang zu irgendeinem Endzustand der Geschichte, sondern der Vielfalt von periodischen Kreisläufen und seiner eigenen Balance. Wie Nietzsche es definierte: “Nichts ist gleichbleibend, nichts verläuft geradlinig. Das Leben ist Werden, Überraschung.”

1) http://www.survivalinternational.de/kampagnen/fortschritt
2) Alexander Dugin, “Die Vierte Politische Theorie”, S. 62 f.

Dieser Beitrag erschien zuerst 2014 auf dem Blog www.identitas-gemeinschaft.info, welcher mittlerweile nicht mehr existiert.