Die Rechte Wende – zum Bericht von 3sat

Man könnte meinen, dass Rechte linken Journalisten nicht mehr ärgern können, als auf das Tragen von Bomberjacke und Springerstiefel zu verzichten. Denn diese – nach Meinung letzterer – Rechten angemessenen Kleidungsstücke machten die Arbeit so schön einfach, da der Gegner so schön einem Klischee entsprach und damit leicht erkennbar war. Nun muss man kleinlich nachweisen, was früher vermeintlich offensichtlich war. Ärgerlich! So beginnt auch der auf 3Sat gezeigte Film »Die Rechte Wende« natürlich mit dem unvermeidlichen Verweis auf Bomberjacke und Springerstiefel, die Rechte nicht mehr trügen, um zu sagen, dass es sich um dieselben wie früher nur in anderer Verkleidung handle.

 

Man müsste eigentlich über diese Art von Dokumentation über die Neue Rechte, deren Zahl kaum noch zu übersehen ist, kaum noch ein Wort verlieren, gleichen sie sich doch in wesentlichen Elementen wie ein faules Ei dem anderen: Immer die düstere, eine bedrohliche Stimmung hervorrufende Hintergrundmusik; immer die Kommentare, die auf mehr oder weniger subtile Weise eine inhaltliche Nähe zum Nationalsozialismus andeuten; immer wieder das Anführen der altrechten Vergangenheit wesentlicher Akteure, und möge sie noch so viele Jahre zurückliegen; die dümmlichen und mitleiderregenden Stilmittel, wie etwa den Titel in Frakturschrift einzublenden (gähn!), als ob das eine mit dem anderen etwas zu tun hätte; überhaupt immer das Herumkreisen um die NS-Verbrechen als einzig möglicher Bezugspunkt; immer wieder der Auftritt von »Extremismusforschern« wie Hajo Funke, ohne die geht so was nicht.

 

Gleichwohl sehen wir in der aktuellen Produktion von Katja und Clemens Riha etwas zumindest teilweise Neues: Wir sehen ein zumindest im Ansatz verstärktes Bemühen um Objektivität, weshalb »prominente« Köpfe unseres Milieus größeren Raum bekommen, unsere Positionen zu erläutern. Es zeigt sich auch daran, dass auch jemand wie Thomas Wagner zu Wort kommt, der es immerhin schafft, sich von den üblichen Schlagworten und dem denken in den eingefahrenen Gleisen zu lösen. Gleichwohl verharrt die Dokumentation wie immer bei der Sichtweise, dass es sich um nichts anderes handelt als sie altbekannten Rechtsextremisten in etwas ansprechenderer Verpackung.

 

Und doch enthält der Film bei aller abgedroschenen Vorhersehbarkeit der Aussagen einige Szenen, die auf zum Teil direkt amüsante Weise entlarvend sind. Zum einen eine Aufnahme der Demonstration der Identitären Bewegung in Berlin am 17. Juni dieses Jahres. Während der Tenor verbreitet wird, es sein alles mehr oder weniger wahnhaft, was die Identitären zum Großen Austausch vorbringen, richtet sich die Kamera auf die Balkone, die zur Straße weisen, auf den verhüllte Frauen zu sehen sind, türkische Fahnen, die aus dem Fenster hängen – kurzum, mitten in Berlin wird unverfälscht orientalische Kultur gelebt. Eine andere Szene zeigt einen Mann mit Migrationsvordergund, der schimpfend reklamiert, dass er in Berlin zu Hause sei, schon in der dritten Generation, aber gleichwohl nur gebrochen deutsch spricht, denn bei ihm zuhause tut man das offenbar nicht. Alles, was man am Rande der Demo sieht, widerlegt das Narrativ, dass es ein Volk im ethnokulturellen Sinne jenseits der rechtlichen Staatsangehörigkeit gar nicht gebe.

 

Entlarvend auch eine andere Szene, in der der Robert Timm auf offener Straße während eines Interviews angepöbelt wird und sich bald ein aggressiver Mob zusammenrottet. Dazu der Kontrast: hier ein junger Mann, der höflich und vernünftig argumentiert, dort Leute, die außer »scheiß Nazi, verpiss dich« und »Du bist kacke« nichts vorzubringen haben – vulgär, primitiv, gewalttätig. Und bald tauchen Vermummte auf, die es nicht verbalen Angriffen belassen. In der nächsten Einstellung erscheint dann wieder einmal Hajo Funke, der immerhin zugeben muss, dass auf diese Weise die Angreifer das »Business der Rechten« betreiben, aber in der üblichen Verdrehung von Ursache und Wirkung: Seiner Meinung nach inszenieren wir uns als Opfer, was dummerweise die Antifanten bestätigen. Dabei kann jeder sehen, wie konkret der Status des Opfers ist, ohne herbeigeredet und erst danach bestätigt worden zu sein.

 

Was in diesem Film mehr als in vorangegangenen Produktionen dieser Art auffällt, ist, dass die Hilflosigkeit der linken Gegenredner immer stärker zutage tritt. Insbesondere Hajo Funke liefert nur ein rabulistisches Gefasel, das sich an abgedroschenen Begriffen entlanghangelt und in dem er unterstellt, wir wollten Bürgerkrieg und ethnische Säuberung. Das ist natürlich Quatsch – wir wollen gerade dies nicht und sind deswegen gegen das Anhäufen eines religiösen und ethnischen Konfliktpotentials, das den Bürgerkrieg möglich und irgendwann wahrscheinlich macht. Es wird gerade an Hajo Funke deutlich, dass es letztendlich nur um die Verteidigung der Diskurshoheit geht. »Die wollen eine andere Republik« ächzt er in die Kamera, als dürfte man so etwas nicht wollen, und als hätte die Linke nie das Ziel gehabt, aus diesem Land ein anderes zu machen. Neu dabei ist, dass auch Funke eingestehen muss, dass die bisherigen Strategien »gegen rechts« nicht mehr greifen. Dasselbe gilt auch für die ebenfalls zur Stellungnahme gebeten Spiegel-Redakteurin Melanie Amann, die außer Banalem, etwa dass Kubitschek und die Neue Rechte irgendwie gefährlich seien, nichts beitragen kann.

 

Der Film verdeutlicht auch ein anderes Dilemma: Zieht man allzu platt über unser Milieu her, wird die propagandistische Absicht zu deutlich. Vermeidet man dies und zeigt uns halbwegs objektiv, wird erkennbar, dass unsere Seite attraktiv ist. Hier äußert man sich differenziert, überlegt und durchdacht, hier sieht man ein Leben, wie viele Linke es ich mehr oder weniger insgeheim wünschen, hier ist man agil, idealistisch, kultiviert und diszipliniert – während am Rande der Demo ein sichtlich an Körper und Geist verrotteter Antifa-Haufen »Nie, nie, nie wieder Deutschland« brüllt. Hier hat der unvoreingenommene Betrachter den direkten Vergleich und wird seine Schlüsse ziehen, und deswegen scheitern die Autoren des Films an ihrem Spagat. Letzten Endes muss man ihnen zugutehalten, dass sie uns ernster nehmen als alle anderen, die sich zuvor an unserem Milieu versucht haben.