Die Identitäre Idee

von Timo Beil

Ich denke, dass hinter der Bewegung, den politischen Zielen und komplexen Strategien der Identitären ein gedanklicher Kern steckt, der aus sich selbst heraus wirkt. Ich nenne diesen Kern die Identitäre Idee.

 

Wenn die Identitäre Idee sich auf die Aussage zurückführen lässt, dass jede Person notwendig durch Herkunft, Sprache und Tradition bedingt ist, dann kann dies eine beträchtliche Anziehungskraft entwickeln. Hier entsteht nämlich zum ersten Mal seit Jahrzehnten eine sichtbare Abweichung vom Modell der Konsumgesellschaft, und dies nicht etwa durch zersetzende marxistische Kritik, sondern in Form einer attraktiven Alternative. Durch die Identitäre Idee stehen die dauernden Zumutungen dessen, was Guy Debord die Gesellschaft des Spektakels nannte, plötzlich zur Disposition.

Debords gleichnamiges Buch von 1967 beschreibt aus linker Perspektive, dass die Mechanismen des Marktes keineswegs immer rein organisch im Sinne von Angebot und Nachfrage arbeiten, sondern in weiten Teilen von einem künstlichen Erzeugen von Bedarfen bestimmt sind. Um sich zu verkaufen, brauchen die Waren und Dienstleistungen Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit ist ein endlicher Rohstoff. Es entsteht also ein Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit, und dieser wird eben immer spektakulärer: das Spektakel. Die Gesellschaft des Spektakels lebt vom Erwecken und Vorgaukeln scheinbarer Bedürfnisse, ist also von vorn bis hinten auf Fremdbestimmung ausgelegt. Beiläufig koppelt sich das Spektakel dabei mehr und mehr von allen unspektakulären Tatsachen ab und wird damit immer absurder. Kommt uns dieser Eindruck bekannt vor? Die maßgeblichen Vehikel für das Spektakel sind die Moden und immer neue, als Identitäten angehübschte Rollen, in welche der Konsument und Zuschauer des Spektakels schlüpfen soll.

Dieser Etikettenschwindel mit der als Identität angepriesenen Rolle ist wichtig, denn er erweckt den Anschein, als sei hier nicht nur etwas Endgültiges zu kaufen, sondern man könne sich damit auch noch selbst aufwerten. Dafür werden allerlei vergängliche Kostüme bereitgestellt, welche konsumiert werden dürfen. Man bittet um vollständige Ausstattung: mein Haus, mein Boot, meine Frau … damit sei Selbstverwirklichung zu erlangen. Das enttäuschende Ergebnis bleibt jedoch der Konsumterror, denn die Moden sind unbeständig, und der Betrieb achtet darauf, daß auch noch das hingebungsvollste Nachturnen der vorgestellten Rollen niemals volle Anerkennung erfährt. Es geht noch weiter, die Sache wird persönlich, geradezu intim. Bist du Er, Sie, Es, Cis sharp major queer? Du weißt es nicht? Ich habe da einen Selbsthilfekreis, der auch die entsprechenden Drogen und Dienstleistungen bereitstellt …

Wir kennen das als Gender-Mainstreaming, und es wird deutlich, dass es sich dabei um eine spektakuläre Symbiose aus Konsumgesellschaft, Bildungsbetrieb und politischem Parasitentum handelt, welche den Zugriff des Spektakels auch auf Bereiche jenseits des bloßen Konsums erweitert. Der Mechanismus des Spektakels profitiert davon, wenn die Leute an ihren sexuellen Vorlieben und Rollen zweifeln. All dies verästelt sich immer feiner, keine Werbung unterlässt es, den Zuschauer und Konsumenten des Spektakels dazu aufzufordern, endlich sich selbst als das absolut einzigartige, individuelle Kunstwerk zu formen, das doch irgendwo in seiner Konsumentenexistenz schlummern mag. Falls sich dort auf die Schnelle nichts findet, wie gesagt, wir haben da noch paar Rollen. Die Zeitspanne, in welcher der Konsument auf Ruhm und Anerkennung für seine Rolle hoffen darf, wurde von Andy Warhol großzügig mit fünfzehn Minuten bemessen. Da bleibt nichts.

Das ist eine Zumutung. Der Werbeaufwand allein zeigt bereits, wie wenig attraktiv das Spektakel inzwischen geworden ist. Mogelpackungen erzeugen Skepsis. Kein Wunder, denn individuelle Identität ist ein Widerspruch in sich selbst. Identifiziert und damit anerkannt werden kann ich nur im Bezug und Vergleich zu anderen. Individuen sind austauschbar, Persönlichkeiten nicht.

Da kommt nun eine Idee daher, die besagt, Du bist bedingt durch Deine Herkunft, Sprache und Tradition, und das ist gut so. Einfach so, da brauchst du gar nix für zu tun. Du darfst vielmehr tun und lassen, was du willst, färb’ dir die Haare blau, gib dir Tiernamen, wenn du das magst, deine Identität bleibt erhalten. Empfehlenswert ist allerdings, dass du es dir in deiner Identität bequem machst. Kümmere dich um deine Herkunft, deine Sprache, deine Tradition – denn das ist selbstverständlich. Dann bist auch du dir – endlich – selbst verständlich.

 

Selbstverständlichkeit,

ein buchstäblich unbezahlbares Versprechen. Hier liegt auch der Unterschied zwischen Identitärer Idee und Identitätspolitik. Letztere ist ein Instrument der Linken, um durch Aufspaltung in verschiedene Gruppen wie „Arbeiter“, „Kapitalisten, „Männer“, „Frauen“ usw. die Völker zu schwächen – ständig kann der eine gegen den anderen ausgespielt werden. Doch so wie die Heimat der Ort der Selbstverständlichkeit ist, ein unerklärliches Land, in dem ich keine dummen Fragen stelle und in dem mich keiner blöde anquatscht, so sind Herkunft, Sprache und Tradition die Ursachen, auf denen meine Selbstverständlichkeit beruht. Wenn ich dies mir und anderen zugestehe, dann sinkt mein Bedarf an Kostümen, Häusern, Booten, Uhren, modischen „Friends with benefits“ beträchtlich. Kein Wunder, dass niemand die Identitären sponsert: Ihre Idee und Lebensform ist nicht vermarktungsfähig. Und dennoch scheint mir die Identitäre Idee – neben der lebensnotwendigen Erhaltung Europas – ein virales Potential aufzuweisen. Die weitergehenden Auswirkungen dieser Idee, die als Sprachspiel auf Leute und Situationen Einfluss nimmt, die gar nicht direkt mit der Bewegung zu tun haben und ihr womöglich nicht einmal positiv gegenüberstehen, sind vielversprechend. Wir dürfen diese Effekte in unsere Überlegungen miteinbeziehen, auch bevor es jemand anderes tut.

Mit viralem Potential meine ich: Die Identitäre Idee ist ansteckend. Der Identitäre erfährt durch den Bezug auf seine Bedingtheit (manche mögen es auch Geworfenheit oder Schicksal nennen) eine Selbstverständlichkeit, die ihn einiger der grundlegenden Nöte des Konsumenten enthebt. Was soll ich anziehen? Darf ich dies oder jenes tun, sagen, denken, und bin ich dann immer noch ich …? Ja, bist du, denn ganz egal, was du tust, sagst oder denkst, deine Identität bleibt dir erhalten, und sie ist auch nicht sonderlich geheim, ich sehe sie dir an. Der Identitäre verwendet also weniger Zeit auf Konsum, und dies nicht nur weil er besseres zu tun hat, sondern weil er auch genauer weiß, was er will und was ihm guttut. Der Teil der Identitären Idee, der viral geht, ist also vermutlich weniger von hehren moralischen Motiven der Rettung Europas beflügelt, sondern vielmehr eigennützig. Die Identitäre Idee verschafft mit ihrer Hinwendung zur Selbstverständlichkeit Erleichterung. Identitär? – leider geil.

Ein starkes Indiz dafür, dass die Identitäre Idee tatsächlich jenseits des Spektakels stehen könnte, ist ihre fehlende Vermarktung. Im Gegensatz zu anderen Jugendbewegungen sind mir bislang weder entsprechende Werbekampagnen noch eine nennenswerte Finanzierung (jenseits von Einzelspenden) aufgefallen. Als Beispiele für eine intensive kommerzielle Ausbeutung von Jugendbewegungen möchte ich das klassische Konsumpaket für die 68er nennen: Citroen 2CV, Gauloises und Rotwein. Vom Punk wissen wir durch Malcolm McLaren und Vivienne Westwood, dass sie die „Sex Pistols“ nur aufstellten, um ihre Kleidung zu verkaufen. Bei den Identitären fehlt das bislang. „Phalanx Europa“ und „Cuneus Culture“ sind bislang noch der Versuch von Aktivisten, eben mal keine Kleidung bei den „United Colors Of Benetton“ zu kaufen. Wir sehen, dass die Identitäre Idee nicht nur das Ende der Identitätspolitik mit sich bringt, sie stellt auch den Konsumismus in Frage. Vielleicht ist es uns gelungen, eine wirkliche Différence herzustellen.

 

 

Timo Beil wirkt am „Leuchtfeuer“ mit, einem Podcast der Identitären Bewegung Berlin-Brandenburg: https://www.youtube.com/channel/UCiK1sbvGdHLu4qxsmKZig1A