Der perfide Freitag

von Hannes Krünägel

Schockierende Provinzialität

Nach einer kreativen Aktion am Potsdamer Platz in Berlin am 4. Juni 16 trafen wir uns mit einem freien Journalisten, der eine Vorabrecherche zur identitären Demo in Berlin am 17. Juni machen wollte. Wir hatten ein sehr langes, angenehmes und vor allem anregendes Gespräch in einem gemütlichen Biergarten. Wir sahen uns dann zwei Wochen später, am 17. Juni, nochmal bei der Demo in Berlin, begrüßten uns kurz und gingen unserer Wege. Am Donnerstag, 23. Juni 2016, erschien dann in der 25. Ausgabe der Wochenzeitung Der Freitag auf Seite 3 ein Artikel über die Identitäre Bewegung und unsere Demonstration in Berlin. Der Autor ist Paul Simon, der nette, junge Mann, mit dem ich knapp drei Wochen vorher im Biergarten saß. Doch bereits der erste Satz zeigt deutlich, dass im Freitag nun ein anderer Ton herrscht als damals. „Eine perfide Idee, diese Demonstration ausgerechnet für den 17. Juni anzukündigen“, heißt es. Ja, Perfidie oder besser Heimtücke muss ich leider auch erkennen, allerdings nicht bei der Wahl des Demotages, sondern beim Autor, der so ganz anders schreibt, als er spricht. Aber der Reihe nach. Über unser Gespräch schreibt er:


„Nach der Berliner Aktion am 17. Juni trifft man sich in einem Biergarten. Zwei aus der identitären Führungsriege erklären ihre Position: ein Ingenieursstudent, dessen Unterarm ein großes eintätowiertes ‚Pommern’ ziert, und ein junger Rostocker, der lange für die NPD aktiv war. Letzterer betont die Intellektualität seines Ansatzes, zitiert Carl Schmitt. In der reaktionären deutschen Tradition (von Oswald Spengler bis Ernst Jünger und Martin Heidegger) meinen die Identitären, ein verleugnetes Wissen entdeckt zu haben, mit dem gewappnet sie der liberalen Republik den Krieg erklären.“ […]

„Jeden Extremismusvorwurf weisen sie von sich: Den Staat wolle man schließlich nicht zerstören. Man wolle, dass das Land so bleibe, wie es einmal gewesen sei, heißt es diffus. Viele Identitäre sind Burschenschaftler [sic!], so auch der stämmige junge Mann, der jedem mit seinem Tattoo zeigen will, dass Pommern seine Heimat ist. Aufgewachsen ist er in der ostdeutschen Provinz. Mit 17 führte ihn eine Ausbildung ins Rheinland, also direkt in das ‚Multikulti-Westdeutschland‘ hinein, vor dem sich gerade die ostdeutschen Rechten so sehr gruseln. In Düsseldorf und Köln erlebte er zum ersten Mal Städte mit vielen fremden Gesichtern auf der Straße – und war schockiert. Nicht von der eigenen Provinzialität, sondern davon‚ dass es keine Gemeinschaft gibt, dass die Kulturen so getrennt voneinander leben, nebeneinander her‘. Das sei für ihn Ausdruck einer ‚kaputten Gesellschaft’. Eine Gemeinschaft fand er dann im ‚Lebensbund‘ seiner Burschenschaft, eine passende Weltanschauung in der Zeitschrift Sezession. Er ist sich sicher: Seine Sicht der Welt ist normal. Warum sollte man anders leben wollen?“


In der Tat begann ich mit 17 Jahren eine Ausbildung im Rheinland, wohnte in Eschweiler und in Düren, war an den Wochenenden zumeist in Köln unterwegs. Was mich nicht schockiert, sondern mit der Zeit immer mehr befremdet hat, war das Nebeneinander-Her-Leben der Kulturen, das Fehlen einer wirklichen Gesellschaft, noch nicht mal das einer Gemeinschaft. Ich konnte mir nicht erklären, worin der Gewinn dieser Art zu leben bestehen soll, und auch der Autor des Artikels konnte mir diesen Gewinn nicht verdeutlichen. Auf einen der plumpen Nebensätze sei nur gesagt, es wird wohl spätestens seit Silvester auch genügend westdeutsche Linke geben, die sich vor einer Multikulti-Stadt wie Köln zumindest zeitweise gruseln. Die Mitgliedschaft in der Burschenschaft war daher auch keineswegs Ersatz für dieses Fehlen an intakter Gesellschaft, konnte es auch gar nicht sein, da Burschenschaften selbst ein Teil der Gesellschaft sind. Auch die passende Weltanschauung fand ich nicht in der Sezession, sondern die Sezession fand ich durch meine Art, die Welt anzuschauen, und durch die Folgerungen, die ich aus dieser Welt, die ich da anschaute, gezwungen war zu ziehen und die Fragen, die ich gezwungen wurde mir zu stellen. Und fraglos gab mir die Sezession, ob aus sich selbst oder durch empfohlene Literatur, Mittel in die Hand, diesen Fragen und Folgerungen nachzudenken. Und ich bin mir – und das hatte ich in unserem Biergartengespräch sehr deutlich formuliert – alles andere als sicher, was meine Sicht der Welt angeht. Ganz im Gegenteil sehe ich mich von meiner Umwelt ständig und immerzu infrage gestellt, weshalb ich dreimal nachdenken muss, bevor ich eine Position beziehe, was ich jedoch nicht bedaure, sondern für erhaltenswert, gar für einen Vorteil halte. Wem sollte es auch schaden, seine eigenen Voraussetzungen nicht des Öfteren mal infrage gestellt zu haben?


Dieselben Zerrbilder

Und ja, auch dieses Gespräch mit Paul Simon im Biergarten zwei Wochen vor der Demonstration in Berlin hat mich zum Nachdenken gebracht. Beide, Paul und seinen Bruder, habe ich als sehr nette, intelligente, junge Kerle wahrgenommen, die ernsthaft versucht haben, sich mit unseren Positionen auseinanderzusetzen. So war auch das bald zweistündige Gespräch von echtem Interesse und dem Willen geprägt, auf die jeweils anderen Argumente einzugehen. Dass unsere beiden Gesprächspartner das genauso sahen, daran bestand kein Zweifel, so liest es sich auch im Artikel, wenn davon die Rede ist, es würden „gezielt freundliche und eloquente Sprecher bestimmt“. Mit denen kann er ja nur uns beide gemeint haben. Diese Harmonie im Wie hatte selbstverständlich im Worum der Diskussion keine Entsprechung. Trotzdem oder gerade deshalb, wenn etwas schon fast romantisch war, dann wohl dieses Gespräch. Umso enttäuschender, wenn im resultierenden Artikel wieder dieselben Zerrbilder auftauchen, über die man hinweg zu sein schien. Denn genau das brachte zumindest der Bruder des Autors zum Ausdruck, auf offene, integre, junge Männer gestoßen zu sein und nicht auf die moralisch verdorbenen, von Hass und Geifer zerfressenen Karikaturen, als die Rechte gerne gezeichnet werden. Und, muss man ergänzen, als die sie von manchem nur allzu gerne gesehen werden wollen. Man wünscht sich diese eindimensionale Rechte, die Böses will und tut, regelrecht herbei, verklärt sie dazu, nur um sich zurücklehnen zu können, mit der Gewissheit seine eigenen Voraussetzungen nicht infrage stellen zu müssen, da man ja auf der guten Seite steht.

Was denkt man sich dabei? Glauben diejenigen, die solches versuchen, ernsthaft, es könne Menschen geben, die Böses um des Bösen willen tun? Wir reden freilich von psychisch gesunden Menschen, davon ausgehend, dass man die Dreistigkeit, der gesamten Rechten psychische Fehlfunktionen zu unterstellen, nicht besitzen wird. Es muss doch auch liberalen Geistern – und als solche im besten Sinne liberalen Geister hätte ich auch die beiden nach diesem Gespräch beschrieben – klar sein, dass der Mensch mehrere Ebenen besitzt, dass er Höhe wie Abgrund ist, ein Sowohl-Als-Auch. Und dass die Frage nach Gut und Böse heute mehr denn je eine Frage des Standortes ist.


Ein Steinwurf Richtung Frieden?

Auch auf diesen Aspekt sind wir im Übrigen zu sprechen gekommen, und ich habe diesen Punkt sehr deutlich ausgeführt. Nur ehrlicherweise aus meiner Perspektive. So habe ich ausgeführt, dass mir durchaus bewusst ist, dass der Linke, der Steine auf uns wirft, der festen Überzeugung ist, er täte etwas Gutes. Dass solch ein Steinwurf, nur eine Woche später und wenige Meter von mir entfernt, einen unserer Gefährten in den Operationssaal mit anschließender Intensivstation befördern würde, war mir damals gar nicht vorstellbar. Doch hat sich an meiner Einsicht dadurch nichts geändert. Ich bin mir völlig sicher, dass der Steineschmeißer von Wien zufrieden auf seiner Couch sitzen wird und nur darauf wartet, seine Tat zu wiederholen. Er wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch im festen Glauben gewesen sein, den Stein auf ebenjene Zerrbilder zu werfen, die so gerne herbeigeschrieben werden. Ich habe aus ebendiesen Gründen den Gewalttätern von Wien bereits verziehen, sie wissen tatsächlich nicht, was sie tun. Auch in Wien selbst war deutlich zu merken, dass dieses Wissen um die verdrehten, verabsolutierten moralischen Koordinaten in unserer Gesellschaft bekannt ist. Anders kann man die Disziplin gar nicht erklären, mit der wir in Wien, dem Hagel der Glas und Stein gewordenen Bankrotterklärungen der Linken ausgesetzt, Gewaltfreiheit geübt haben. Kein Hass, trotz der Untaten. Das hat mich tief beeindruckt.

In welchem Kontrast zum Erlebten standen da die anschließend in der Presse verbreiten Zerrbilder. Auch der vorliegende Artikel tut, ganz im Gegensatz zum geführten Gespräch, seinen Teil, um diese Zerrbilder zu füttern. Es sei „perfide“, am 17. Juni zu demonstrieren, „Größenwahn ist Programm“, „obskure rechte Sekte wäre eine bislang passende Kategorisierung“, „Verblendung“, „liegt in der Natur des rechten Weltbildes“ oder „in ihren Köpfen herrscht Krieg“. Das sind die Phrasen, die nicht gerade dazu beitragen, eine gewaltfreie Diskussion zu ermöglichen, ganz abgesehen von den obligatorischen Gleichsetzungen mit dem „Nazitum“, diesem übergeschichtlichen absoluten Bösen. Diese Ebene des unbedingten Moralismus, als der der Antifaschismus heute daherkommt, hat Peter Furth in seiner 1990 verfassten Schrift „Epigonaler Antifaschismus“ hervorragend analysiert, sie sei auch dem Autor des Artikels dringend empfohlen. [1]


Liberale Unübersichtlichkeiten

Auf die Falschbehauptungen oder bestenfalls Verwirrungen bezüglich unserer Begriffe und Gedanken, wie die Behauptung, den Großen Austausch sähen wir als „planvolle Zersetzung des deutschen Volkes“, möchte ich gar nicht weiter eingehen. Oder vielleicht doch. Die Tragik liegt hier ja gerade in der Planlosigkeit dieses Vorgangs bzw. darin, dass dieser Vorgang, den der Autor übrigens an sich gar nicht infrage stellt, nur eine Nebenerscheinung der tiefen Sinn- und Seinskrise ist, die sich über das Abendland gebreitet hat. Und dass der politische Kampf zur Beendigung und Umkehrung dieses Vorgangs nichts mehr als den Zweck hat, die Daseinsmöglichkeiten zu bewahren, die nötig sind, um den Raum offenzuhalten, in dem eine Bewältigung dieser Krise geschehen könnte. Auch in diese Richtung wurde im Biergarten gesprochen, wenn auch anders formuliert, nur ist mir zwischenzeitlich ein Heidegger-Zitat über den Weg gelaufen. Sei’s drum. Weiter im Text von Simon:


„Die Verblendung und die Neigung zu fast schon romantischem Denken liegt in der Natur des rechten Weltbildes: die liberale Gesellschaft, die neben all ihren Freiheiten auch Unübersichtlichkeiten mit sich bringt, steht für die Neue Rechte auf tönernen Füßen, sie sei das Produkt eines ‚sanften Totalitarismus‘.“


Die Arroganz und die Neigung zu hochmütigen Denken scheint jedoch in der Natur des Autors zu liegen, um polemisch zu kommentieren, was sachlich nicht kommentierbar ist. Aber behalten wir den guten Ton und gehen auf diesen Satz ein. Zuerst einmal produziert die liberale Gesellschaft den „sanften Totalitarismus“ und nicht umgekehrt. Das ist allein schon daraus ersichtlich, dass diese Erwiderung hier in einem Nischenblog veröffentlicht werden wird und niemals in einer, wenn auch schrumpfenden, gesellschaftlich anerkannten Wochenzeitschrift. Und auch nicht zuletzt dadurch, dass ich nicht unter Nennung meines vollen Namens schreiben kann, während mein Gegenüber sein hohes Ross in aller Öffentlichkeit reitet. Weiters leidet der Liberalismus tatsächlich an Unübersichtlichkeiten, er übersieht nämlich seine eigenen Voraussetzungen, die er weder geschaffen hat, noch in der Lage ist zu schaffen. Siehe Böckenförde-Diktum. Das ist dann allerdings ein Vorwurf, der sich an die liberale Gesellschaft richtet, also mithin den Autor selbst als deren schreibenden Vertreter. Was hier verniedlichend als Unübersichtlichkeiten beschrieben wird, meint freilich ein anderes. Denn es meint die Vorgänge, für deren Bekämpfung unsereins berufliche Zukunft und körperliche Unversehrtheit aufs Spiel setzt. Zu diesen Unübersichtlichkeiten gehört dann nämlich im Rahmen des Großen Austausch allen voran die Gesamtheit der Schikanen, Belästigungen und Verbrechen gegen Franzosen, Briten, Belgier, Deutsche, kurz Europäer, die langfristig dazu führen, dass Angestammte aus ihren Vierteln und Städten fortziehen und diese langsam zu den Vierteln werden, die uns heute Probleme bereiten, ob Berlin-Neukölln, Köln-Kalk, Saint-Denis oder Brüssel-Molenbeek. Aber gewiss, über diese kleinen Unübersichtlichkeiten kann man sicher getrost hinwegsehen, sie werden die liberale Gesellschaft mit ihren vielen Freiheiten schon nicht umwerfen.

Obgleich ich in Reaktion auf den Artikel etwas bissiger geworden bin, ich werde die Atmosphäre des Gesprächs und die Anreize, die es mir gegeben hat, jedenfalls in positiver Erinnerung halten. Letztlich habe ich ihm es zu verdanken, dass ich diesen Artikel schrieb, der auch für mich Klärung gebracht hat. Ich würde ein solches Gespräch jederzeit wiederholen, auch wohl weiterführen, trotz der Enttäuschung. Freilich man könnte nun einwenden, dass Enttäuschung über solch einen Artikel ohnehin nur aufkommen kann, wenn man vorher der Täuschung unterlegen wäre, tatsächlich zu glauben, ein eventueller Artikel würde grob das zweistündige Gespräch widerspiegeln. Ehrlich gesagt, ich habe es gehofft. Und ich werde es mir nicht nehmen lassen, es das nächste Mal wieder zu hoffen.




[1] Peter Furth hat die moralisch überhöhte Feindsetzung seitens selbsternannter Antifaschisten schon 1990 skizziert. Sie wirkt bis heute fort und gräbt das Böse da aus, wo es angebliche Potentiale gibt, wo der moralisch gesetzte Konsens – etwa von Identitären – infrage gestellt wurde: „Das Angekommensein in der durch die Auschwitz-Katastrophe gewendeten Geschichte bleibt also für die Antifaschisten verbunden mit der ausschließenden Tätigkeit, dem Stigmatisieren, das Merkmal der Vorgeschichte war. Das bedeutet, wenn ein absolut Böses nicht erkennbar ist, müssen Täter, die es repräsentieren können, produziert werden. Diese Produktion zeigt sich im inflationären Gebrauch des Wortes Faschismus und zeigt sich auch in dem Fanatismus, der den Gebrauch dieses Wortes begleitet.“ Peter Furth: Epigonaler Antifaschismus, in: Tumult (Nr. 1/ 2016), S. 32.