Reise ins Epigonale – eine persönliche Reflexion zur Reise nach Wien

Ich bin noch relativ jung, ganz sicher aber kein blutjunger Aktivist, der sich zum ersten Mal auf politisches Terrain gewagt hätte. Der Weg in die wunderschöne Hauptstadt Österreichs ist auch nicht naiv gewesen. Ich weiß um die Gefahren einer Demonstration, die innerhalb einer aufgeheizten und polarisierten Gesellschaft von einigen Seiten als echte Provokation interpretiert wird.

Es herrschte eine freudig übermüdete Reisestimmung am Morgen des Hamburger Flughafens. Die letzten Zigaretten der Gefährten sind von einem Lächeln und angenehmer Atmosphäre begleitet. Vor dem Eingang befindet sich ein großer Aschenbecher für die Reisenden – auf ihm bemerke ich einen Aufkleber mit der Aussage von Carl Schmitt: „Wer Menschheit sagt, will betrügen.“ Wer betrügt sich an diesem Morgen? Wir, die auf der Suche nach freiem Diskurs über die Zukunft sind und die einem inneren Gefühl folgend, Gesicht zeigen und das Risiko suchen? Oder die, denen ein verzerrtes Bild im Kopf herumirrt, das sie zu härtester Gewalt ermuntert?

Wir kommen in Wien an, machen ein Gruppenfoto, jeder strahlt. Die Reconquista im Blut, die Spannung aufgeladen; sie durchfährt den Körper wie löschendes Wasser nach langer Dürre - weil sie für jeden von uns Freiheit bedeutet.

Freiheit zur Tat einerseits, aber auch die Freiheit, sich von der falschen, alle kritischen Gedanken zudeckenden Moral zu erlösen, die als Front uns gegenüber eine so hässliche Fratze zeigt. Peter Furth beschrieb diese vor Jahren: „In dieser Form, als die Weltanschauung eines unbedingten Moralismus, hat der Antifaschismus in der Situation der aktuellen Sinnkrise die Rettungsrolle zugesprochen bekommen. […] Für den Antifaschisten ist also mit Auschwitz die Nation untergegangen. Der neue Citoyen repräsentiert eine versöhnte übernationale Menschheit. Damit ist aber die Versöhnung, für die er steht, nicht grenzenlos. Wo er nämlich den Zumutungen nationaler Solidarität begegnet, verliert er rasch alle Versöhnlichkeit.“1

Dieser Verlust an Versöhnlichkeit, diese Kompromisslosigkeit ins Grenzenlose hinein ist die psychopolitische Erklärung für die Gewalt gegen den Nicht-Antifaschisten, der mitnichten Faschist sein muss. Schon jeder Patriot, der noch Exklusion und Wertegemeinschaft für die Menschen als Sinn von Selbstbehauptung leben will, ist markiert. Es gibt sie, diejenigen, die aus der Entmenschlichung ihrer politischen Gegner heraus, den Tod von jenen Patrioten in Kauf nehmen.

An diesem Wochenende hat Europa auf Wiens Straßen gesehen, dass unser Handeln mit Schmerzen gespickt sein wird. Dass es ein echtes Risiko ist, sich herauszuwagen. Ich selbst stand neben einer Person, die sich gegen den bundesdeutschen Gesellschaftsdruck dazu aufgemacht hat in Wien etwas zu verteidigen, das unser aller Zukunft sein soll. Es hat nur einen kurzen Augenblick gebraucht und die Person fiel zu Boden und stand nicht mehr auf. Sein Koma sorgte für einen kollektiven Schock, er durchfuhr unsere Reihen bis spät in die Nacht. Ich schrie dagegen an, mit unbändiger Wut. Gott sei Dank wird dieser feine Mensch wieder aufstehen. Wird wieder mit einem Lachen vor mir stehen.

Sein Mut an diesem Tag muss uns ein Zeichen für Schritte nach vorne sein. Schritte hinein in die Zukunft Europas. Ein Europa in kultureller Blüte, ein Europa der Freiheit und Tradition. Ein Europa das uns Heimat bietet, Geborgenheit, in der man sich nicht erklären muss. Diese Person ist schicksalhaft von einem Gegenstand getroffen worden, der in voller Absicht geworfen wurde, wohl wissend, dass er hätte tödlich sein können. Die Tat, die getroffene Person und unser politisches Wollen sind ein Beispiel für eine Reise ins Epigonale.

Denn wir kämpfen um eine Zukunft, in der unsere Nachgeborenen keinen Blindflug in eine „Selbstzerstörung“ gehen sollen müssen. Schon Sloterdijk hat genau diesem Weg die Moralität abgesprochen.2 Unsere Moral fasst den Menschen neu, begreift seine komplexe Identität. Der sog. „Antifaschismus“ heute kennt das Partikulare nicht, er wirkt totalitär im Denken und sucht die Gewalt.

Doch wir stehen dagegen: Einer ist getroffen, Hunderte heben ihn vereinter, als zuvor wieder auf!

1 Ursprünglich im Jahre 1990 verfasste Gedankenskizze, die jüngst neu veröffentlicht wurde, siehe: Peter Furth: Epigonaler Antifaschismus, in: Tumult (Nr. 1/ 2016), S. 30-32.

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